Susan Sontag

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke

Tagebücher 1964-1980
Cover: Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke
Carl Hanser Verlag, München 2013
ISBN 9783446243408
Gebunden, 560 Seiten, 27,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Kathrin Razum. "Mein Leben ist mein Kapital, das Kapital meiner Imagination", sagte Susan Sontag einmal. Ihre Tagebücher sind Spiegel dieses Selbstverständnisses, das bei ihr auch immer an die Politik geknüpft war. Zentral sind ihr Aufenthalt in Hanoi und ihr Engagement in den USA gegen den Vietnamkrieg, ihre Begegnung mit Mary McCarthy und Reisen nach China, Marokko und Israel. In den Jahren 1964 bis 1980, die geprägt sind von ihrer Auseinandersetzung mit der Kunst von John Cage, Marcel Duchamp, Jasper John und vor allem Joseph Brodsky, entstehen auch Sontags bedeutendste Bücher. In diesen Tagebüchern legt eine der außergewöhnlichsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts das intime Zeugnis ihrer Reifejahre ab.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.10.2013

Begeistert begrüßt Rezensentin Ina Hartwig den zweiten, nun unter dem Titel "Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke" von Susan Sontags Sohn David Rieff herausgegebenen Band ihrer Tagebücher, der die Jahre 1964 bis 1980 umfasst. Grund für Begeisterung gibt es inhaltlich allerdings wenig, denn wie Hartwig berichtet, erlebt sie die große Intellektuelle hier meist in tiefer Verzweiflung. Die Kritikerin erfährt anhand der meist sporadisch und nachlässig verfassten Einträge etwa von dem schwierigen Verhältnis zu ihrer alkoholkranken und depressiven Mutter, welches sich oft auch auf die Beziehungen zu Sontags Liebhaberinnen auswirkte. Auch Überraschendes tritt hier zutage, informiert Hartwig: Etwa, dass Sontag ihre Krebserkrankung in ihren Tagebüchern kaum thematisierte oder dass sie sich nicht nur als Essayistin, sondern auch als Schriftstellerin verstand, die sich gern mit berühmten Kollegen verglich. Interessiert liest die Rezensentin, wie sich Sontag auf manchmal geradezu "peinliche" Weise selbst preist, zugleich aber auch immer wieder ihre dunkle, verzweifelte Seite preisgibt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2013

Auch wenn Rezensent Andreas Platthaus vom "Blick ins Tagebuch einer Kummerzofe" spricht, hat er die nun unter dem Titel "Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke." erschienenen Tagebücher der Romanautorin, Essayistin und Philosophin Susan Sontag aus den Jahren 1964 bis 1980 mit großem Interesse gelesen. Ebenso poetische wie persönliche Einblicke erhält der Kritiker hier, etwa wenn Sontag über ihren Rückzug in die Einsamkeit oder ihre ständig wiederkehrenden Suizidgedanken schreibt. Sensibilität und Verzweiflung offenbaren sich Platthaus gleichermaßen, beispielsweise in den ebenso schönen wie selbstzerstörerischen Einträgen über ihren Sohn David Rieff oder ihre zahlreichen Liebesbeziehungen zu Männern und Frauen. Während in den frühen Tagebüchern noch Thomas Mann geradezu vergöttert wurde, nimmt in den späteren Selbstanalysen Sontags Elias Canetti immer größeren Raum ein, berichtet der Rezensent. Insbesondere lobt er die eindrucksvollen Aufzeichnungen als Einblick in die Genese einer der "freiesten" Denkerinnen des letzten halben Jahrhunderts.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.10.2013

Als zeitgeschichtlich exemplarisch und zugleich außergewöhnlich bezeichnet Andrea Köhler die Biografie Susan Sontags, wie sie ihr mit diesem zweiten von Sontags Sohn David Rieff edierten Teil der Tagebücher (1964-1980) vermittelt wird. Das Who's who, die Lektüren, Interventionen, die Reisen, die Liebe, das Leid, schließlich die To-do-Listen - all das findet Köhler beeindruckend vielfältig und voll, nicht zuletzt als Einspruch gegen das Verschwinden und Vergessen. Der Mangel an Komposition in diesem Diarium scheint die Rezensentin nicht weiter zu stören. Schließlich war es für Sontag die wildeste Zeit, ihre goldenen Jahre, in denen sie zur intellektuellen Ikone wurde, wie Köhler erklärt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2013

Die Fragmente, die David Rieff aus den Tagebüchern seiner Mutter Susan Sontag veröffentlicht hat, sind vieles nicht, warnt Rezensentin Susanne Mayer. Sie nehmen kaum Stellung zur Politik und Zeitgeschichte, auch nicht in den aufgeladenen Jahren zwischen 1964 und 1980, die dieser zweite Band, "Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke", umfasst. Es findet sich kaum etwas über die Entstehung ihrer Werke und auch wenig über Sontags Alltag, erklärt die Rezensentin. Stattdessen sind ihre Notizen gefüllt von allerlei Listen, was noch zu lesen sei, was gelesen wurde, was etwas taugte und was nicht, berichtet Mayer, auch an Größenwahn grenzende Reflexionen über den eigenen Einfluss als Intellektuelle hat die Rezensentin gefunden. Rieff hat die Texte, abgesehen von einigen Streichungen - mit denen er nach eigener Aussage seine Mutter schützen wollte - weitestgehend unkommentiert und ohne jede Kontextualisierung belassen, auf einen professionellen Herausgeber wartet da irgendwann noch einmal eine große Aufgabe, weiß Mayer.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.09.2013

Der zweite Band von Susan Sontags Tagebüchern hat bei Daniel Schreiber, Verfasser einer Biografie über die Autorin, ambivalente Gefühle ausgelöst. Scheint ihm der erste Band der Tagebücher höchst eindrucksvoll, unkonventionell und mutig, kann er ähnliches über "Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke" nicht sagen. Er findet einige ruhige, geistvolle und anrührende Passagen darin, die ihn überzeugt haben. Meistens jedoch haben die glänzend von Kathrin Razum übersetzten Tagebücher 1964 bis 1980 bei ihm ein Gefühl des Unbehagens erzeugt. Er führt dies darauf zurück, dass Sontags egomane Seite darin die Oberhand gewinnt, die Autorin unter dem zunehmenden Einfluss ihrer Amphetamin-Sucht allzu oft in Selbstmitleid versinkt und ihre Äußerungen häufig apodiktisch und banal wirken. Zudem stellt sich für Schrieber die Frage, ob Sontags Sohn David Rieff der "richtige Herausgeber" für die Tagebücher seiner Mutter ist. Denn: "Elterliche Selbstmythologisierungen", so Schreiber, "sind nur schwer zu durchbrechen." Rieff scheint dies eher weniger gelungen zu sein.