Stephan Reimertz

Papiergewicht

Roman
Cover: Papiergewicht
Luchterhand Literaturverlag, München 2001
ISBN 9783630870861
Gebunden, 288 Seiten, 18,41 EUR

Klappentext

Knapp 10 Jahre ist Oliver alt - und dennoch versteht er viel mehr, als seine Eltern ihm zutrauen. Er spielt Klavier und Cello, schreibt einen Indianerroman, bringt sich die ersten Englischkenntnisse bei und nimmt alles, was die Erwachsenen sagen, wörtlich. Wollen seine Mutter und sein Vater auf einen Ball gehen, dann sieht er sie eine runde Lederkugel hinabrutschen und böse aufschlagen. Er kann jedoch nicht ahnen, wie recht er mit seinen Gedankenspielen hat. Sein Held ist Muhammad Ali. Stephan Reimertz erzählt die doppelbödige Überlebensgeschichte eines Jungen, der in den 70er Jahren in einer Familie aufwächst, die am Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik kräftig teilhaben möchte und gar nicht bemerkt, dass sie auf ihren Ruin zusteuert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.11.2001

Die Fähigkeiten und Kenntnisse von Oliver, dem Helden in Stephan Reimertz' Debütroman "Papiergewicht", lesen sich auf den ersten Blick beeindruckend. Welcher Neunjährige liest schon den Sportteil der FAZ und beherrscht Latein, wie Aimee Torre Brons verrät. Trotzdem sieht die Rezensentin in dem Jungen, der in den siebziger Jahren in einem wohlhabenden Elternhaus groß wird und von der großbusigen Nachbarin träumt, nichts anderes als einen "altklugen Rotzlöffel". Die Unglaubwürdigkeit dieses kindlichen Charakters korrespondiert für Torre Brons mit ihrem Gesamteindruck des Romans. Die Gestaltung des Generationskonflikts im spießigen pseudo-liberalen und gleichzeitig pseudo-fortschrittlichen Umfeld der siebziger Jahre gelingt ihrer Meinung nach schon allein deshalb nicht, weil der Autor keine Charaktere schaffe. Die Figuren wirken konstruiert, zuweilen zur Karikatur reduziert, findet Torre Brons, und die Gedanken und Gefühle des Jungen sind für sie alles andere als altersgerecht. Das Resultat sei ein "literarisches Leichtgewicht", bedauert sie.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.11.2001

Warum sich junge Autoren, kaum 35 Jahre auf dem noch nicht vorhandenen Buckel, unbedingt der 70er Jahre annehmen müssen, fragt sich Thomas Kraft. Auch im Laufe seiner Rezension kommt er zu keiner überzeugenden Antwort. Immerhin gesteht er Reimertz, Jahrgang 1962, zu, sich vom "betulichen Benennungsdrang" seiner Kollegen abzuheben. Stattdessen herrscht bei Reimertz Unbekümmertheit, Verspieltheit und eine gewisse "altkluge Selbstironie", die sich aus der Erzählerfigur ergibt, einem 10jährigen Jungen, einer Mischung aus "Kevin und Oskar Matzerath", wie Kraft schreibt. Erzählt wird die Geschichte einer Kindheit in einer verspießerten Umgebung und dem vermuteten Ausbruch daraus bei aller Verspieltheit "schlicht und konventionell", wie Kraft zugibt; raffinierte Reflektionen seien Reimertz' Sache nicht, wohl aber unbekümmerte Freude am Erzählen und am Widerspruch.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.08.2001

Den naheliegenden Kalauer, der Titel des Buches bedeute seine Qualität, kann sich der Rezensent grad noch verkneifen. Seinem Unwillen über das Ganze gibt Jochen Jung dennoch unmissverständlich Ausdruck: Hoppla, jetzt haben wir wieder ein Kapitel übersprungen. Vielleicht, weil der Erzähler "leider Oliver" heißt, oder weil sich der Roman "eher schleppt"? Oder doch weil Stephan Reimertz über die Tage der alten BRD "nicht wirklich etwas Neues zu berichten weiß", sie deshalb karikiert und einem freilich "bescheidenen Gelächter" preisgibt?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.07.2001

Christina Zink hatte sich von diesem Roman offenbar ein wenig mehr erhofft und bedauert, dass der Autor erst nach etwa hundert Seiten zu großer Form aufläuft. Bis dahin dürfte so mancher Leser das Buch bereits zur Seite gelegt haben, vermutet die Rezensentin, was sie allerdings dann auch wieder schade findet. Denn gerade das zweite Drittel findet sie durchaus so spannend wie ein Psychothriller. Insgesamt fällt ihr auf, dass der Autor Charaktere nicht besonders scharf zeichnet. Lediglich der Protagonist, ein zehnjähriges Wunderkind, dass in Konflikt mit seiner Umwelt und besonders seiner Mutter lebt, zeige "Konturen einer Charakterschaffung". Beinahe alle anderen Personen findet Zink zu puppenhaft oder auch stereotyp, wie etwa die kalte und verständnislose Mutter, die nach Zinks Ansicht dadurch an Glaubwürdigkeit verliert. Der Junge selbst erscheint der Rezensentin viel zu weit für sein Alter, sowohl was die Sprache betrifft, wie auch sein Auftreten und seine Lebenserfahrung.
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