Die Theaterarbeit der Gruppe Volker Lösch und des Bürgerchors am Staatsschauspiel Dresden ist ein Modellversuch für das Volkstheater der Zukunft: die Selbstaufklärung der Zivilgesellschaft mit den Mitteln des Theaters. Der Dresdner Bürgerchor, Ursprung aller späteren Bürgerbühnen, ist Akteur seismographischer Gesellschaftsanalyse. Durch den Chor werden politisch ambivalente Stimmungen, Wünsche und Ängste, Verzweiflung, Wut und Hass des 'Volkes' anschaulich und reflektierbar. Politisches Zentrum der Inszenierungen "Die Orestie des Aischylos", "Die Weber", "Woyzeck", "Die Wunde Dresden" und "Graf Öderland / Wir sind das Volk" sind die sozialen Verwerfungen und der 'schiefe Protest' dagegen: von den Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV und Sozialabbau, rechter Gewalt von Jugendlichen und dem Extremismus der Mitte über das Trauma der Zerstörung und den Dresden-Kult bis zu Pegida und AfD heute. Das Buch erzählt in Werkanalysen, "Notizen zur Inszenierung", Auszügen aus Textfassungen, Essays, Kritiken und zahlreichen Aufführungsphotos von einer TheaterRevolution am Stadttheater. Es beschreibt, wie es dazu kommen konnte, dass 2024 in Ostdeutschland fast dreißig Prozent dem autoritären Nationalradikalismus der AfD und dem Rechtsextremismus in dieser Partei zustimmen.
Für Rezensent Michael Bartsch hat der Dramaturg Stefan Schnabel sein Buch über den Dresdner Bürgerchor mit den erschreckenden Zeichen der Gegenwart vor Augen geschrieben. Das Unterfangen, die Geschichte dieses Theaterprojekts von Volker Lösch aufzuzeichnen, manifestiert sich nicht retrospektiv, sondern fragt nach der Bedeutung für die politische Gegenwart. In den zweitausender Jahren gründete Lösch seinen "Bürgerchor", der aus 33 Dresdner Laienschauspielern bestand und die außertheatrale Wirklichkeit in die Stücke miteinbringen sollte, damals zum Beispiel die Montagsdemonstrationen, in denen sich schon autoritäre Sehnsüchte und "Generalverweigerung" abzeichnete, die sich heute in extremen politischen Entscheidungen niederschlägt. Das Potential dieses Projektes hätte mehr genutzt werden können, hätte sich die Politik nur mehr damit beschäftigt, glaubt Schnabel. Der Rezensent erlaubt sich allerdings doch zu fragen, was genau "die da oben" hätten tun sollen. Schnabel hat das Buch auch als Anleitung für einen aufklärerischen Versuch des Nachwuchses geschrieben, schließt der Kritiker.
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