Aus dem Isländischen von Betty Wahl. Im Winter bläst der Nordwind eisig über die Lavafelsen. Es herrscht Dunkelheit, als ob das Ende der Welt naht. Im Sommer sind die Nächte hell wie der Tag, und die Hügel duften am Morgen nach taufeuchtem Gras. Das ist Island um 1636, und dort lebt Jonas, der Gelehrte. Eigentlich will er nur durch die Welt streifen, noch gelehrter werden und Ungeheuer erlegen. Aber sein Wissen verschafft ihm Neider, die ihm das Leben schwer machen und ihn von einem Abenteuer ins andere treiben.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 26.07.2011
Der für seinen Facettenreichtum bekannte Isländer Sjon hat mit dem "Medizinmann, Runenkundler, Zahn- und Hornschnitzer" Jonas Palmason eine Romangestalt geschaffen, die bei der Rezensentin Beatrice von Matt einen starken Eindruck hinterlassen hat. An den im 17. Jahrhundert wirkenden Edda-Kommentator Jon Gudmundsson Iaerdi angelehnt ist die Figur, wie Matt mitteilt. In seiner isländischen Heimat als Hexer verschrien, erlebe Palmason später eine paradiesische Zeit an der Kopenhagener Universität. Der geistige Austausch zwischen Palmason und dem dort tätigen (und ebenfalls historischen) Arzt und Philosophen Ole Worm ist dabei nach Meinung der Kritikerin das Filetstück des Romans. Hier träfen archaischer Wunderglaube mit Aufklärertum und Humanismus zusammen - eine aufregende Mixtur, die ein plastisches Bild der Epoche vermittle. Weniger gut haben der Rezensentin die weitschweifigen Notizen des Protagonisten gefallen, die sich über den Rest des Buches verteilten. Wer sich jedoch hier durchzubeißen vermöge, würde andererseits mit zahlreichen brillanten Passagen - Naturschilderungen ebenso wie Mythen - belohnt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.05.2011
Nach den ersten 60 Seiten von "Das Gleißen der Nacht", dem zweiten Roman des isländischen Songwriters und Autors Sjon, hätte Jutta Person das Buch beinahe wieder zugeklappt. Zu "verschwurbelt" kommt ihr der Gedankenmonolog des auf einen kargen Küstenfelsen verbannten Naturforschers des 17. Jahrhunderts daher. Die altertümelnde Sprache und das mystische Geraune klingen in ihren Augen nämlich wie aus der Klamottenkiste. Dann aber lässt sie sich doch tief in den Bann dieser Geschichte um einen unglücklichen Wissenschaftler schlagen, der in der Freundschaft zur historischen Figur des Kopenhageners Ole Worms wieder Optimismus und Neugier entwickelt. Sie sieht sich in diesem opulenten Roman unversehens in eine barocke Wunderkammer versetzt und folgt gefesselt den Spuren, die Sjon auslegt, um seine faszinierende vormoderne Welt zu zeichnen, in der alles aufeinander Bezug nimmt und mit einem göttlichen Zeichensystem verbunden ist. Und dann kann sie sich auch begeistert auf eine "Welt voller Monstren und Zaubertränke" einlassen, die der Autor wortmächtig zu entfesseln weiß, wie sie lobt.
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