Sibylle Lewitscharoff

Blumenberg

Roman
Cover: Blumenberg
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
ISBN 9783518422441
Gebunden, 220 Seiten, 21,90 EUR

Klappentext

Groß, gelb, gelassen: mit berückender Selbstverständlichkeit liegt eines Nachts ein Löwe im Arbeitszimmer des angesehenen Philosophen Blumenberg. Die Glieder bequem auf dem Bucharateppich ausgestreckt, die Augen ruhig auf den Hausherrn gerichtet. Der gerät, mit einiger Mühe, nicht aus der Fassung, auch nicht, als der Löwe am nächsten Tag in seiner Vorlesung den Mittelgang herabtrottet, sich hin und her wiegend nach Raubkatzenart. Die Bänke sind voll besetzt, aber keiner der Zuhörer scheint ihn zu sehen. Ein raffinierter Studentenulk? Oder nicht doch viel eher eine Auszeichnung von höchster Stelle für den letzten Philosophen, der diesen Löwen zu würdigen versteht?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2011

Sybille Lewitscharoff macht den 1985 in Münster verstorben Philosophen Hans Blumenberg zur Romanfigur, und für den Rezensenten Patrick Bahners entbehrt es nicht der Ironie, dass der für seine Zurückgezogenheit berühmte Professor hierdurch "in den Zustand der Visibilität" versetzt wird. Auch inhaltlich spielt der Roman mit dem Motiv der Sichtbarkeit, erfahren wir. Denn ganz plötzlich erscheint dem Philosophen im Jahre 1982 in seinem Arbeitszimmer ein Löwe, erzählt der Rezensent. Nun müsse man wissen, so Bahners, dass Blumenberg die menschliche Fähigkeit zur Begriffsbildung (also "die Beschwörung des Abwesenden") für eine Überlebensnotwendigkeit der menschlichen Gattung hielt. Und der Philosoph, dem die Begriffsbildung zum Lebensinhalt geworden ist, erfahre nun durch die Anwesenheit des Begleiters des asketischen Gelehrten Hieronymus eine adäquate Würdigung. Der vergnügte Rezensent wiederum würdigt abschließend diese "emblematische Absicht" des kurzen Romans - weil sie "perspektivische Einheit im Reichtum der biografischen und sozialhistorischen Details" stifte.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 01.10.2011

Andrea Rödig weiß Sibylle Lewitscharoffs "stilistisch brillanten" Roman "Blumenberg" zu schätzen. Auch wenn man darin keine korrekten Zitate Hans Blumenbergs finden wird, wie sie mit Verweis auf Lewitscharoffs Nachwort angibt, scheint ihr das Werk voll von Anspielungen. Ja, sie liest den Roman um einen Philosophieprofessor namens Blumenberg, dem ein Löwe erscheint, der im weiteren Verlauf immer wieder auftaucht und verschwindet, als ein im Ton häufig "pittoreskes", komplexes "Verweisspiel". In einem zweiten Handlungsstrang um einige ehrfürchtige Blumenberg-Schülern, die, vom Meister kaum bemerkt, allesamt dahinscheiden, schildert Lewitscharoff für sie eindringlich die Tristesse des kleinstädtischen Studentenlebens und die Selbstzerfleischung der Blumenberg-Studenten. Der Löwe, der Blumenberg begleitet, wird für Rödig zur "schönsten Trostgestalt" des Romans, einer Gestalt, in der sie mehr Wahrheit erkennt als in manchen philosophischen Äußerungen Blumenbergs.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.09.2011

Die Wirklichkeit lockern, das gelingt dem rezensierenden Leser Uwe Justus Wenzel mit diesem Buch von Sibylle Lewitscharoff ganz gut. Komik und Sprachwitz helfen dabei, aber vor allem ein Bericht über ein unerhörtes Ereignis: wie einem Philosophen namens Blumenberg ein Löwe begegnet, nicht auf Safari, wie Wenzel uns erläutert, sondern im Hörsaal, am Schreibpult, bei der philosophischen Arbeit. Und nicht als König der Tiere, sondern als Trostspender und Kraftgenerator, vielleicht auch als Hirngespinst. Damit erfüllt die Autorin die Bedingungen des literarischen Fabulierens, für das Wenzel Lewitscharoff so schätzt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.09.2011

Als "fabelhafte Hommage" an den Philosophen Hans Blumenberg liest Judith von Sternburg den neuen Roman von Sibylle Lewitscharoff. Das Werk zeigt für sie einen Blumenberg in "Hochform". Erstaunlich findet sie schon die Eröffnung des Romans, in der der Philosoph in seinem Arbeitszimmer einen leibhaftigen Löwen begegnet, die Fassung bewahrt und über den Löwen in Natur, Kultur und Religion nachdenkt. Und auch später taucht der Löwe immer wieder auf, etwa bei einer Vorlesung, nur dass ihn die Studenten nicht sehen können. Zudem folgt der Roman zur Freude Sternburgs auch den Wegen von vier Studenten und Blumenberg-Verehrern. Das wirkt auf sie nie zu "possierlich", dafür kombiniert Lewitscharoff das Ganze viel zu gekonnt mit dem Pessimistischen, vor allem aber sehr klug: "Alles ist sinnlos, aber bedeutungsvoll."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.09.2011

Einen Vornamen hat der Philosoph nicht, aber als der Blumenberg, den man kennt, tritt er im jüngsten Roman von Sibylle Lewitscharoff auf. Erst verwirrt ihn in der Gelehrtenstube ein Löwe, der auch als abwesender später durchaus anwesend bleibt. Was die Autorin an just diesem Philosophen gereizt hat, ist nach Ansicht von Lothar Müller ein doppeltes: So sei Blumenberg ein Denker, der dem "Absolutismus der Wirklichkeit" widersteht - und also ein Bundesgenosse dieser, sich in Hinblick auf Wirkliches sprachliche und literarische Lizenzen erlaubenden Autorin. Auch Blumenbergs Anthropologie der "Trostbedürftigkeit" des Menschen steht Lewitscharoff sehr nahe. Was nicht heißt, dass nicht viel Wirklichkeit über vier weitere Figuren ins Spiel kommt. Den Trost spendet vor allem der Löwe. Heraus komme ein komplexer Roman, in dem auch die "Unsinnspoesie" ihren Platz hat - sichtlich ein Buch, das dem Rezensenten bestens gefällt.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.09.2011

Rezensent Ijoma Mangold ist sich nicht ganz sicher, ob Sibylle Lewitscharoff ihren Konstruktionsbogen diesmal nicht überspannt, aber selbst wenn es so wäre, fragt er: So what? Denn wie Lewitscharoff in diesem Roman der intellektuellen Gestalt des Philosophen Hans Blumenberg mit poetischen Mitteln zu Leibe, das ringt Mangold doch gehörigen Respekt ab: Sie stellt dem Philosophen einen Löwen ins Studierzimmer und damit ein veritables Rationalitätsproblem, doch je selbstverständlicher Lewitscharoff diesen Löwen anwesend sein lässt, versichert Mangold, umso nebensächlicher werden "erkennungsdienstliche Fragen nach seinem ontologischen Status." Und wenn dem Rezensenten etwas unglaubwürdig erscheint, dann dass Blumenbergs Studenten und Bewunderer in solch auffallender Häufigkeit einen frühen Tod finden. Unerschrocken nennt Lewitscharoffs Prosa, und stolz, und am Ende seiner Lektüre steht die Erkenntnis, dass mit dem Tod das "Ende aller Dringlichkeit" kommt. Und wichtiger noch: "Ein Leben ohne Löwe ist ein armseliges."
Mehr Bücher aus dem Themengebiet