Chronik des eigenen Atems
50 und 1 Gedicht

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518128404
Taschenbuch, 124 Seiten, 20,00
EUR
Klappentext
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Es sollte ein weiterer Gedichtband werden, schreibt Serhij Zhadan, über die östliche Landschaft im Winter, den nahenden Schnee, die Stimmen in der Luft, die Weinberge, die Stadt am Horizont, die sich mit Lärm und Licht füllt. Doch am 24. Februar 2022, mit Beginn des großen Krieges in der Ukraine, brach die Zeit, verstummte die Poesie. Erst Monate später kehrte die Sprache zurück: "Zeit neue Gedichte zu schreiben / Bei den alten weint niemand mehr." 50 + 1 untertitelt Zhadan seinen neuen Lyrikband, der das Davor und Danach und den Riss in der Mitte dokumentiert - datierte Gedichte, zwischen Ende 2021 und Sommer 2023 geschrieben.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 14.12.2024
Rezensent Christian Thomas ist beeindruckt von Serhij Zhadans neuem Gedichtband, in dem der Überfall Russlands auf die Ukraine eine Zäsur bedeutet, da manche Gedichte auf davor, andere auf danach datiert sind. Eine Art Tagebuch also, so Thomas, der im Folgenden in eher assoziativer Manier auf einige Motive in dem Band hinweist, wie etwa die Lunge, die in einem Vers für eine beeindruckende Metapher herhält, oder das Singen, das dem Musiker Zhadan auch in seinem Schreiben wichtig ist. Interessant, dass das Wort Russland hier nie fällt, findet der Rezensent, dafür kommen viele Tiere vor und auch Engel, wie überhaupt Mythen und das Mystische. Insgesamt sind die Geschichte eine beklemmende Lektüre aus einem Land, das sich einem weiteren Kriegswinter zu stellen hat, schließt der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.12.2024
Rezensentin Ilma Rakusa liest Serhij Zhadans exakt datierte Gedichte aus dem Krieg in der Ukraine mit Beklemmung, aber auch mit Genugtuung, zeigen die Texte doch, dass man sogar inmitten von Leid und Gewalt über Schnee, Liebe, Luft und Licht schreiben kann. Die lyrische Chronik, "sensibel" übertragen von Claudia Dathe, setzt statt auf Drastik oder Hass auf den Gesang und die Sprache, staunt Rakusa. Diese Sprache ist voller Zweifel, Freude und Dank, Rhythmus, Bildern und Zärtlichkeit, meint sie.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 04.12.2024
Diesen Gedichtband hatte der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan bereits im März 2021, also knapp ein Jahr vor Kriegsbeginn begonnen, weiß Rezensentin Stephanie von Oppen. Da währte der Krieg in der Ostukraine allerdings auch schon sieben Jahre und so klingen auch jene Gedichte, die sich Landschaften, Sprach- und Kinderspielen oder Jahreszeiten widmen, nicht nur "prophetisch" für die Kritikerin, etwa, wenn es in einem Sommergedicht von 2021 heißt "die Stimmen des Schulchores brechen wie jemand reife Sonnenblumen bricht". Erst vier Monate nach der russischen Invasion beginnt Zhadan dann erneut Gedichte zu schreiben, nun ist der Tod allgegenwärtig und Zhadan nimmt die Folgen des Krieges in aller Unmittelbarkeit in den Blick. Und doch entnimmt die Kritikerin den Gedichten einen Funken Hoffnung, etwa wenn es einmal heißt: "Und in ihrer Schwermut ist ein Hauch Brombeere".
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 16.11.2024
Atem ist das Leitmotiv dieses Bandes. Serhij Zhadan, Schriftsteller, Musiker und aktuell auch Soldat, erzählt davon, wie es den Menschen nach dem russischen Angriff erst einmal die Sprache verschlug. Es dauerte, bis sie sie langsam wiederfanden, Atempausen machten, erzählt beeindruckt Rezensent Jens Uthoff - bis sie mit voller poetischer Kraft wieder zurückkehrt. Das "Vokabular des Schweigens" muss in der Kriegssituation genauso ausgebreitet werden wie die Macht der Benennung und die Unmöglichkeit, den Krieg nicht zur Sprache kommen zu lassen, lernt der Kritiker. Dass das Überleben und Atemholen nicht nur der Soldaten, sondern auch der ukrainischen Kultur dafür unerlässlich ist, leuchtet ihm sofort ein.