Klappentext
Aus dem nicaraguanischen Spanisch von Lutz Kliche. Ein Richter, der mit seiner Überzeugung ein Bier trinken geht, um zu entscheiden, ob er sich bestechen lassen soll. Ein ahnungsloses Ehepaar, das von seinem kleinen Sohn unvermeidlich in die Freundschaft mit einem Drogenbaron gezogen wird. Ein Nicaraguaner, den es in die weiten des Mittleren Westens der USA verschlägt, wo er, weil er kein Englisch spricht und es auch nicht lernen kann, zum ewigen Schweigen verurteilt ist. Ein Flaschensammler in Managua, der sich unversehens in der Villa eines reichen Anwalts wiederfindet und feststellt, dass der Hausherr im Befreiungskampf sein Untergebener war. Eine junge Frau, die bei einem Ausflug ans Meer zuschauen muss, wie ihr frisch gebackener Ehemann von den Wellen verschluckt wird …
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 17.06.2026
"Souveräne Ironie" gepaart mit "psychologischer Raffinesse" findet Rezensent Marko Martin in den Erzählungen des nicaraguanischen Schriftstellers Sergio Ramirez, der auch der ehemaliger Vizepräsident seines Landes ist. 2022 ließ der despotische regierende Daniel Ortega den Schriftsteller ausbürgern, dessen Werk allerdings von "ungebrochener" intellektueller Energie zeugt, wie Martin betont. Auch sein neuer Erzählungsband begeistert den Kritiker: Während die Titelgeschichte in die Kindheit des Autors zurückführt, widmet er sich ansonsten der gegenwärtigen Situation im Land mit all den finsteren Seiten der Ortega-Regierung. Ramirez scharfer erzählerischer Blick trifft beispielsweise Sprösslinge der reichen Mittelschicht, die auf Privatschulen den Kindern der Drogenbosse begegnen, resümiert Martin, es geht um einstige Revoluzzer, die nun selbst zu Oligarchen geworden sind und vor allem um die Repression durch Ortega und seine Schergen. Die Gewalt gegen das eigenen Volk wird in zwei Geschichten so klar und brutal geschildert, dass es dem Rezensenten sehr nahe geht. Gleichzeitig sind die Texte geprägt von einem "unaufdringlichen Humanismus", frei von moralischer Überheblichkeit oder Rachedurst, versichert Martin.
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