Die knappen Geschichten sind so schnell und plötzlich wie ein Kuss oder ein Niesen. Neben jeder Bildseite mit einem roten Zeichen steht die Fabel dazu. So entfaltet Schuldt Blitzkarrieren, Menschen am Abgrund, Draufgänger, die sich retten, beobachtet mit Witz, aufgezeichnet in mitleidloser Lakonie. Ein längst überfälliges Exercitium in Befindlichkeitsaustreibungen. In New York aus den Vokabeln in Lius Wörterbuch zu befremdlichen Abenteuern zusammengesetzt, erzeugen die ebenso verblüffenden wie behänden Texte ein gestaltreiches Kontinuum von Verwandlungen, einen Atlas unerhörter chinesischer Schönheit. Die Fabeln folgen der chinesischen Vorliebe, sich an den Ähnlichkeiten von Gestalt und Aussehen entlangzuhangeln, von einer Idee zur nächsten, zu verrückten Einfällen und garstigen Überraschungen. Ein Glossar führt den Leser durch den Irrgarten von den Wurzeln vor dreitausend Jahren bis in die Gegenwart der Zeichen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2021
Rezensent Wolfgang Kubin freut sich über dieses späte Buch des Autors namens Schuldt. Wer sich dahinter verbirgt, verrät Kubin und auch, wie das Buch ihn, der sich mit chinesischen Schriftzeichen auskennt, das Staunen lehrt. Schuldts freie, amüsante Behandlung der antiken Zeichen, sein Geschichtenerzählen anhand von zwei gefundenen Lexika versteht Kubin nicht als Lehrstück, sondern als literarisches Unterfangen. Die so entstandenen Fabeln haben laut Kubin allerdings historische Tiefe, wenngleich keine wissenschaftliche, etymologische. Eine Bereicherung der chinesischen wie der deutschen Sprache sind sie für Kubin allemal.
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