Sandor Tar

Die graue Taube

Roman über das Verbrechen
Cover: Die graue Taube
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1999
ISBN 9783821804675
gebunden, 305 Seiten, 20,35 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Krisztina Koenen. Eine Epidemie versetzt die Einwohner einer Kleinstadt in Panik: Menschen verbluten innerhalb kürzester Zeit. Gleichzeitig werden Tauben aggressiv, attackieren einander und verbluten ebenfalls. Jede Ordnung scheint außer Kraft gesetzt. Immer mehr Menschen werden vom Strudel vollkommener moralischer Verwahrlosung mitgerissen. Die Polizei gleicht den kriminellen, die sie verfolgen soll, aufs Haar. In dieser Situation wird Molnár beauftragt, den Mann zu finden, der die Epidemie offenbar bewußt ausgelöst hat...

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.06.2000

In einer Doppelrezension bespricht Marion Löhndorf zwei Romane von Sandor Tar - "Ein Bier für mein Pferd" und "Die graue Taube" -, über die sie sich zwiespältig äußert. Was diesen Roman angeht, hätte Marion Löhndorf es offenbar kaum für möglich gehalten, dass das menschliche Elend aus Tars "Ein Bier für mein Pferd" noch zu toppen ist. Gleichzeitig zeigt sich die Rezensentin auch ein wenig gelangweilt. Einerseits findet sie die endlosen Auflistungen von Todesfällen aller Arten durchaus beeindruckend, aber nach einer Weile denn doch "ermüdend". Sie vermisst eine "Sog-Wirkung", wofür sie vor allem die "Aufsplitterung in kleine, oft unterschiedliche Handlungsstränge verfolgende Absätze" verantwortlich macht. Auch dass der Roman in seiner zweiten Hälfte zur Kriminalgeschichte tendiert, gefällt ihr nicht: Diese sei von "mäßigem Unterhaltungswert".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.10.1999

Ilma Rakusa bespricht die beiden neuen Romane von Sandor Tar  - "Ein Bier für mein Pferd" und "Die graue Taube" - zusammen. "Ein Bier für mein Pferd" hält sie für eine meisterliche Erzählung: "Ob atmosphärische Schilderung oder Figurenporträt, lakonisch werden Details zu lebensvollen Bildern schön-schauriger Tristesse addiert." Rakusa ist offensichtlich gefesselt von Tars Griff in die existenziellen Niederungen eines Dorfes im tiefsten Ostungarn und dem "elenden Getue" seiner Bewohner. Im dem Roman "Die graue Taube" vermisst Rakusa allerdings diese "herbe Poesie". Zwar findet sie auch hier Aberwitz und Brutalität, aber Tar für diese Erzählung bei ihr Wohlwollen: "Ihr Apocalypse-Now-Gehabe verschleiert, dass die wirklich wichtigen Dinge eher unspektakulär sind", schreibt die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.10.1999

Dieser Roman beschreibt die Neuordnung der Machtverhältnisse nach dem Zusammenbruch der alten Systeme, meint Rezensent Michael Winter. Bei dieser Neuordnung hätten allerdings die schlimmsten aller Dunkelmänner das Sagen. In einer Mischung aus Schockiertheit und Respekt listet der Rezensent eine enorme Anzahl der von Sandor Tar beschriebenen Todesfälle, Morde und Selbstmorde in den grausamsten und kuriosesten Varianten auf, um schliesslich zu erkennen: Nichts anderes steht Tag für Tag unter "Vermischtes" in den Tageszeitungen, es ist die Realität. Allerdings ist dieser Roman für den Rezensenten mehr als eine einfache Ansammlung von Grausamkeiten: Winter vergleicht das Buch mit einem Computerspiel, bei dem man auf jede Kleinigkeit achten muss, damit sich dem Leser der Zusammenhang erschließen kann.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.10.1999

In einer Doppelrezension bespricht Werner Jung zwei Romane von Sandor Tar, an denen sich seiner Meinung nach die "Stärken und Schwächen" des Autors zugleich ablesen lassen. "Die graue Taube" ist für den Rezensenten "eine arge Enttäuschung". Die vielversprechenden Anfangsseiten, bei denen sich Jung gar an Camus` "Pest" erinnert fühlte, hielten nicht, was sie versprächen. Mehr als eine "schlichte Kriminalhandlung" mag der Rezensent nicht erkennen. Gelangweilt listet er auf, wer oder was in diesem Roman eine handlungstragende Rolle spielt und kommentiert dies mit der Bemerkung, dass sich hier "Gut und Böse" vermischen. Viel Ratlosigkeit spricht aus Jungs Zeilen, der mit dem Buch einfach nichts anfangen kann. Mit "Ein Bier für mein Pferd" hat der Autor den Geschmack des Rezensenten weitaus besser getroffen. Hier stehe Tar "in der besten Tradition volkstümlicher, realistischer Dorfgeschichten des 19. Jahrhunderts". Jung bemüht sogar Hegel, um möglichst verständlich zu vermitteln, wie grau der Alltag in dieser Geschichte wirklich ist. Die Stärken des Buches macht er vor allem in Tars Fähigkeit aus, die "Perspektivlosigkeit" der Dorfbevölkerung durch die Schilderung vieler kleiner, persönlicher Katastrophen der Dorfbewohner zu beschreiben.
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