Sandor Marai

Die Nacht vor der Scheidung

Roman
Cover: Die Nacht vor der Scheidung
Piper Verlag, München 2004
ISBN 9783492042871
Gebunden, 219 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Margit Ban. "Die Verhandlung kann nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe. Und ich bin gekommen, weil ich dir alles erzählen will." Mit dieser verzweifelten Eröffnung beginnt das nächtliche Gespräch zwischen dem Richter und seinem späten Gast. Erschöpft ist Christoph Kömüves mit seiner Frau von einer Gesellschaft heimgekehrt. Und als sei die tiefe Unruhe, die an diesem Abend auf ihm lastet, nur eine unerklärliche Vorahnung, erhält er überraschend Besuch von einem Gefährten aus Jugendzeiten: Imre Greiner, dessen Ehe mit der schönen, verwöhnten Anna Fazebas er am folgenden Morgen würde lösen müssen, bittet ihn zu sprechen. Kömüves ist dem Freund seit Jahren nicht mehr begegnet. Doch der angesehene Arzt kommt ohne Umschweife zur Sache, und er sucht Antwort auf eine Frage, die nur der Richter ihm geben kann.

Im Perlentaucher: Rezension Perlentaucher

Sandor Marai hat Zeit. Er hatte sie für seinen Ruhm und er hatte sie wieder für seinen Nachruhm und das erste, das dem heutigen Leser bei der Marai-Lektüre auffällt, ist, dass er sie auch beim Schreiben hatte und dass wir sie beim Lesen brauchen. Nein, das stimmt nicht. Es fällt nicht auf. Jedenfalls nicht als erstes. Das erste, das uns auffällt, ist die Spannung. Man will nicht aufhören mit lesen. Es ist eine Spannung, die nicht aus der Handlung kommt, sondern aus den Sätzen...
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2004

Sibylle Cramer kann diesem Roman des ungarischen Autors Sandor Marai, der 1935 entstanden ist und hier in einer überarbeiteten Übersetzung der Ausgabe von 1951 vorliegt, nichts abgewinnen. Es geht um einen Richter, der 1919 einen Scheidungsfall zu bearbeiten hat, der sich als Teil seiner eigenen Geschichte entpuppt, fasst die Rezensentin die Handlung zusammen. Der Roman spielt in der Nachkriegszeit und der Autor verbindet diese "Seelengeschichte" des Richters passagenweise mit dem historischen Hintergrund der von Krieg und Revolution gezeichneten ungarischen Gesellschaft, erklärt die Rezensentin. Für Cramer stellt dieser Roman die "blasse Nachgeburt des realistischen Gesellschaftsromans des 19. Jahrhunderts" dar, was sie angesichts der Entstehungszeit des Buches befremdlich findet. Die unterdrückten Gefühle des Richters werden durch den Autor zu "Geheimnissen der Seele" verbrämt" und zudem mit "prekären Metaphern" verkleidet, können der Geschichte aber auch nicht mehr "Tiefenschärfe" verleihen, urteilt die Rezensentin unzufrieden.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.08.2004

Katharina Narbutovic ist enttäuscht: Das Buch gehöre nicht zu den großen Büchern des Autors, befindet die Rezensentin. In vielen Punkten erinnere es zwar an Sandor Marais berühmtes Buch "Die Glut", doch wirke dieses nur wie eine Rohfassung, "weil hier alles so überhöht ist, über das Plakative nicht hinauskommt und letztendlich einen süßlichen Geruch von Trivialität verströmt". Im Ungarn vor dem Ersten Weltkrieg treffen sich die gegensätzlichen, alten Freunde Christoph Kömüves, konservativer Richter in Budapest, und der moderne Arzt, Imre Greiner, wegen der Scheidung Greiners von seiner Frau. In der Nacht vor dem Gerichtstermin beichtet der Arzt dem Richter den Mord an seiner Frau. Man bekomme zwar Hinweise auf eine verzweifelte Liebe zwischen dem Richter und der ermordeten Frau, doch entwickle sich daraus nicht die erwartete Dramatik, vielmehr ist es "ein ziemlich seichter Sprung vom Einmeterbrett". Somit bleibt allein das Interessante an dem Buch, so die Rezensentin, das "genaue Porträt" der ungarischen Gesellschaft in der Übergangsphase der Zwischenkriegszeit.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2004

Martin Halter stuft Sandor Marai zurück: aus der "Champions League von Schnitzler und Musil", wo er in den vergangenen Jahren seiner Wiederentdeckung mitspielen durfte, "in die Klasse eines Stefan Zweig oder Otto Flake". Warum? Marai habe zwar den Geist seiner Epoche - das nahende Ende des Bürgertums und das "Unbehagen in der abendländischen Kultur" am Vorabend des Zweiten Weltkriegs - präzise erfasst, doch habe er seine Zeitdiagnostik allzu schematisch in literarische Strukturen gegossen. Wie in einem Schreibworkshop von Lukacs: "vom Allgemeinen zum Konkreten, vom Gesellschaftlichen zum Individuellen, von der Krankheit der Zeit zu ihren Symptomen herabsteigend." Die sich natürlich in den Beziehungen von Männern und Frauen zeigen. Hier treffen sich ein Arzt und ein Richter nach zehn Jahren wieder, und die Tragödie des einen - seine Ehe, sein Leben sind gescheitert - zwingt den andern zur Konfrontation mit sich selbst: Der Richter, der seine Existenz nach den Vorschriften der Ehrbarkeit und der Pflicht organisierte, wird zum Angeklagten vor seiner eigenen Instanz. Bei Marai bedeutet das: "Das nervöse Subjekt der Moderne hat sein transzendentales Obdach, der Bürger seinen festen Halt an Tradition, Stand und Staat verloren." Stimmt ja alles, meint der Rezensent ungnädig - aber was hilft's, wenn man nicht in der ersten Liga der Literatur mithalten kann? "Am Ende", so das Fazit, "bleiben dem Richter wie seinem Erzähler nur heroisches Ausharren und Dienst nach Vorschrift in den leeren Fassaden der bürgerlichen Romankonvention".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.06.2004

Ursula Pia Jauchs Urteil über diesen Roman des ungarischen Autors Sándor Márai, der bereits 1935 in Ungarn erschien und nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt, ist zwiespältig. Erzählt wird von einem Richter, auf dessen Schreibtisch der Scheidungsfall eines Schulfreundes landet, dessen Frau er vor seiner eigenen Hochzeit einmal gekannt und vielleicht geliebt hat, teilt die Rezensentin mit. Zunächst ist sie äußerst angetan von der dichten Schilderung der Figur des ehrgeizigen Richters Christoph Kömüves, der sein Leben zwar tugendhaft aber gleichzeitig als lästige Pflichterfüllung erlebt. Der Autor entwickelt hier ein "düsteres Stimmungsbild" sowohl eines individuellen Schicksals wie auch einer ganzen Gesellschaft kurz vor dem Krieg, und in "solchen literarischen Bittermandeln" liegt für Jauch auch die "grosse Kunst" Márais. Wenn am Ende aber ans Licht kommt, dass die Frau des Schulfreundes sich vergiftet hat und zudem während ihrer gesamten Ehe an ihrer unglücklichen Liebe zum Richter litt, wird, was der Rezensentin bis dahin als "große Literatur" schien, zu ihrer großen Enttäuschung zum Heftchenroman nach Art der "Courths-Maler-Schule". Nach Ansicht von Jauch verliert der Roman an dieser Stelle "seinen Halt" und driftet in die "gänzlich konventionelle Psychologie einer überzuckerten Liebesgeschichte" ab.
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