Die Geschichten, die in deutschen Familien über die nationalsozialistische Vergangenheit erzählt werden, widersprechen nicht selten der öffentlichen Erinnerung, zum Beispiel in Schulen und Gedenkstätten. Dieses Ergebnis der empirischen Interviewstudie "Tradierung von Geschichtsbewußtsein" wird im vorliegenden Buch vor dem Hintergrund der doppelten deutschen Nachkriegsgeschichte weiter ausgeleuchtet. Die Unterschiede im Geschichtsbewusstsein von ost- und westdeutschen Bundesbürgern lassen sich erst dann hinreichend erklären, wenn man berücksichtigt, daß in Ostdeutschland das Spannungsverhältnis von öffentlicher und privater Geschichtserzählung seit 1989 einer radikalen Neubewertung unterlag. Infolge dieser historischen Umbruchsituation erlebten Erinnerungen an die "weißen Flecken" der DDR-Geschichtsdarstellung eine Renaissance. Das, was vor 1989 nicht öffentlich geäußert und nur privat erinnert werden durfte, konnte nun öffentlich neu erinnert werden...
Martin Jander verweist zunächst darauf, dass es sich bei dieser Studie um einen Teil einer groß angelegten Mehrgenerationenstudie handelt, die von Harald Welzer geleitet wurde und den Umgang deutscher Familien mit der Nazizeit über drei Generationen verfolgt - die Ergebnisse der Gesamtstudie wurden vor einem Jahr unter dem Titel "Opa war kein Nazi" veröffentlicht. Als Besonderheit, so Jander, spielt in der DDR der "verordnete Antifaschismus" eine Rolle, der auf die Geschichtskonstruktionen der Gesprächspartner eine fatale dialektische Wirkung hatte: Da das System offiziell gegen die Nazis war, stieg die Bereitschaft, im "inoffiziellen Gedächtnis" die Schrecken der Nazizeit zu relativieren. Festzustellen sei dabei auch in Mollers Studie - wie schon in der Gesamtstudie - dass hier oft ein Bündnis zwischen Enkel- und Zeitzeugengeneration geschlossen wird, während gerade in Ostdeutschland die mittlere Generation für die DDR verantwortlich gemacht wird. Aus solchen Bündnissen resultieren nicht selten "problematische Gleichsetzungen der NS- und der DDR-Vergangenheit", warnt Jander, der Mollers Studie zu den Standardwerken über die hier abgehandelten Fragen zählt.
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