Schon im 16. Jahrhundert wird die politische Ordnung der alten Eidgenossenschaft als Besonderheit wahrgenommen. Der Theoretiker des Absolutismus, Jean Bodin, spricht von "demokratischen Regimentern". Im frühen 19. Jahrhundert betont der konservative Publizist Alexis de Tocqueville die "einzigartige Originalität" der politischen Entwicklung der Schweiz. Ebenfalls in der Frühneuzeit sind in der Eidgenossenschaft erste Spuren eines republikanischen Selbstverständnisses zu finden, die einerseits den antioligarchischen Tugenddiskurs fördern, andererseits Kernelemente des Mythos Schweiz enthalten, der sich später zur Bauernstaatsideologie verdichtet. In diesem Spannungsfeld von Fremd- und Selbstwahrnehmung sind im Kontext der demokratischen Bewegung der 1860er-Jahre die ersten wissenschaftlichen Werke zur Entstehung der "direkten Demokratie" in der Schweiz entstanden. Die vorliegende Studie zeichnet die historiografische Entwicklung der Erforschung der halbdirekten Demokratie nach, rekonstruiert Forschungskontroversen, hinterfragt die gängigen Narrative und konfrontiert diese mit dem aktuellen Forschungsstand. Ausgehend von diesen Neuansätzen werden offene Fragen und Defizite der Erforschung der direkten Demokratie erörtert. Die Überlegungen sollen dazu beitragen, den öffentlichen Diskurs mit den Erkenntnissen der modernen Geschichtswissenschaft zu konfrontieren und gleichzeitig eine Orientierungshilfe für die anstehenden Diskussionen über das zukünftige Verhältnis zwischen der Schweiz und der Europäischen Union zu bieten.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.02.2024
Mit Interesse liest Rezensent Lukas Leuzinger Rolf Grabers Geschichte der politischen Mitbestimmung in der Schweiz. Der Autor wendet sich sowohl gegen liberale als auch gegen linke Erfolgserzählungen, erfahren wir, die die Entwicklung des Landes wahlweise als einen Triumph der Freiheit oder der gesellschaftlichen Inklusion wahrnehmen. Stattdessen betont Leuzinger Graber zufolge die Rolle von Konflikten auch im Inneren. So hat sich, fährt die Rekonstruktion des Arguments fort, nach der Französischen Revolution der Freiheitsbegriff gewandelt, hin zum Postulat individueller Rechte. Die Liberalen hatten freilich an einer Ausweitung demokratischer Rechte nur bedingt Interesse, so Leuzinger nach Graber, weshalb andere Gruppen auf den Plan treten mussten. Dass der Autor in der Gegenwart mehr Rechte für in der Schweiz lebende Ausländer einfordert, kann der Rezensent nicht so recht nachvollziehen, wobei er eingesteht, dass Inklusionskämpfe und der Widerstand dagegen eine große Rolle in der Geschichte des Landes spielen, siehe etwa die späte Einführung des Frauenwahlrechts.
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