Übersetzt von Gabriele Haefs. Erika, geboren 1944, erzählt ihre Geschichte - so wie sie gewesen sein könnte. Sie stellt sich das Leben ihrer Familie im Ghetto vor. Wie sie mit Hunderten von Juden zum Bahnhof getrieben und in einen Viehwagen gepfercht wurden, der sie in ein Lager bringen sollte. Und wie die Mutter, als der Zug in einem Dorf sein Tempo verlangsamte, ihr Kind in ein Tuch wickelte und den Säugling hinauswarf. Jemand hob ihn auf und brachte ihn zu einer Frau, die für das Mädchen sorgte und ihm einen Namen gab: Erika.
Jens Thiele empfiehlt im Namen der "Luchsjury" ein Bilderbuch über den Holocaust. Vor fast zwanzig Jahren, erinnert er, hat Roberto Innocento schon einmal eine solche Geschichte bebildert; damals sei eine kontroverse Diskussion über die Zulässigkeit entbrannt - kann man Kindern so etwas zumuten? Heute, schreibt Thiele, sind die Grenzen nicht mehr so eng gesteckt. "Erikas Geschichte" sei zuerst gar nicht die eines Individuums: Gesichtslose Figuren sind es, die in Ruth vander Zees empfindsamer und kraftvoller Sprache und auf Innocentos "detailversessenen" Bildern in einen Zug verladen werden, dessen Ziel das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ist. Erst, als ein rosafarbenes Bündel von zwei Händen aus dem Zug geworfen wird, beginne die Geschichte eines Menschen mit einer Identität, der aber für immer von seiner Herkunft getrennt bleibe. "Bild und Text", schreibt Thiele, "vermitteln (...) neben der Ungeheuerlichkeit der Vergangenheit zugleich den Trost, dass damals ein Kind auch ins Leben geworfen werden konnte".
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