Auch wenn die Geschichtswissenschaft infolge des iconic turn aus ihrer Textlastigkeit etwas herausgefunden hat, bewegt sie sich dennoch weiterhin in einer weitgehend lautlosen Sphäre. Töne und Geräusche werden bestenfalls zum Untersuchungsgegenstand, nachdem sie schriftlich festgehalten, also in Schrift "übersetzt" worden sind. Der vorliegende Band fragt nach den Übersetzungsverlusten, nach der Differenz zwischen dem, was die Menschen "im Ohr" haben, wenn sie den Zweiten Weltkrieg erinnern, und dem, was davon von der Geschichtsschreibung aufgegriffen wird. Unwillkürlich nähert sich der Band damit der Frage nach dem akustischen Gedächtnis in seinen individuellen und kollektiven Ausformungen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 07.03.2012
Wiederhören kann Wiedererleben bedeuten, so zumindest verhält es sich mit dem akustischen Gedächtnis des Zweiten Weltkriegs, das sich eine Reihe von Autoren in diesem Band bemühen zu entziffern. Regula Heusser-Markun hat allerdings ihre Zweifel, ob sich Tondokumente, wie Schlachtenlärm aus Stalingrad oder Himmlers Posener Rede, wirklich wissenschaftlich deutend zur Gänze auflösen lassen. Der von dem Geschichtsdidaktiker Robert Maier herausgegebene Band indes, zeigt der Rezensentin auch, wie sich die Assoziationen (zu MG-Knattern etwa) im Lauf der Zeit verändern (hier Kriegsängste, dort Videospiel). Und Lidija Ginzburgs gleichfalls enthaltene Rekonstruktion der Blockade Leningrads greift sowohl auf eigenes Erleben als auch auf literarische Elemente zurück, erklärt die Rezensentin und weist damit auf die Möglichkeiten hin, akustische Erinnerung über das biografisch Dokumentarische hinaus "hörbar" zu machen.
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