Robert Knight (Hg.)

Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen

Wortprotokolle der österreichischen Bundesregierung 1945 bis 1952 über die Entschädigung der Juden
Böhlau Verlag, Wien 2000
ISBN 9783205991472
gebunden, 256 Seiten, 25,46 EUR

Klappentext

Traurig, aber wahr: Die "Väter" der Zweiten Republik waren so gut wie nicht daran interessiert, die in der NS-Zeit geschädigten Juden zu unterstützen. Vielmehr wollten sie Entschädigungsfragen bewusst "in die Länge ziehen". Der britische Historiker Robert Knight, zur Zeit Experte in der österreichischen Historikerkommission, hat in den 80er Jahren brisante Ministerratsprotokolle der Nachkriegszeit vorgelegt. Nun erscheint endlich eine (überarbeitete) Neuauflage des vergriffenen Standardwerks zur Entschädigung der Juden: Im Buch werden bedeutende Ministerratsprotokolle und Dokumente aus den Jahren 1945 bis 1952 zu den Themen Rückstellung von "arisiertem" Vermögen an Juden und "Displaced Persons" vollständig abgedruckt. In der ausführlichen Einleitung diskutiert Robert Knight Machtfragen und Interessen bei der Restitution von jüdischem Eigentum am Beginn der Zweiten Republik, Österreichs von der Moskauer Deklaration abgeleitete "Opferrolle". Die überarbeitete Neuauflage enthält ein aktuelles Vorwort und erstmals ein Register.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.06.2000

Der Autor hat in der noch von der vorherigen Regierungskoalition Österreichs eingesetzte Historikerkommission zur Aufklärung des Umgangs mit Entschädigungsbegehren überlebender Juden des Landes mitgearbeitet, wie Franz Schandl in seiner Besprechung hervorhebt. Knights Dokumentensammlung von O-Tönen zu diesem Thema, und zwar von Politikern aller Parteien, ist ernüchternd, wie die von Schandl angeführten Zitate beweisen. Die Haltung, die im Titel angedeutet ist - es handelt sich dabei um einen Ausspruch des sozialdemokratischen Innenministers Oskar Helmer - "war kein Ausrutscher, es war Programm". Selbst einer, der wie Bundeskanzler Leopold Figl das KZ Dachau überlebt hatte, war dem antisemitischen Reflex nicht abhold. Schandl zitiert ihn aus den Protokollen: `Wir heißen alle Österreicher wieder bei uns willkommen - aber als Österreicher, nicht als Juden.` Ähnlich hartnäckige und abweisende Äußerungen sind gleich nach Kriegsende von allen Beteiligten in österreichischen Regierungskreisen gemacht worden, um Restitutionsansprüche abzuweisen, - ganz im Sinne eines Handelsministers Kolb, der im Mai 1946 verlauten ließ, das Land habe "nichts gut zu machen, weil es nichts verbrochen" habe. Wie in Deutschland verhinderte der bald einsetzende Kalte Krieg eine gründlichere Entnazifizierung auch in Österreich. Aber die jetzt trotz FPÖ-Regierungsbeteiligung selbst in Österreich heute stattfindende Debatte über Entschädigungen von Zwangsarbeitern und die Rückgabe enteigneten Besitzes, so Schandl, beweist, dass das auf Dauer nicht geholfen hat. "Schade", so schließt er seine Besprechung, "dass das so manche Nachkriegsgröße nicht mehr erleben darf."
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de
Mehr Bücher aus dem Themengebiet