Wo der Name wohnt
Roman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518432327
Gebunden, 170 Seiten, 23,00
EUR
Klappentext
"Lange dachte ich, Früher heißt das Land, aus dem sie kamen."Hausnummer 36 und 37, hier in Berlin haben sie jahrelang in direkter Nachbarschaft gelebt. Als Kind spielte die Enkeltochter Tischtennis auf dem Glastisch im Wohnzimmer der Großeltern. Als Erwachsene löst sie deren Wohnung schließlich auf, bringt Besteck, Töpfe und Musikkassetten nach nebenan zu sich. Und sie will noch etwas bewahren: Levitanus, den Familiennamen. Der Wunsch, den Namen wieder anzunehmen, begleitet sie nicht nur im Alltag, sondern führt sie auch nach Riga. Sie folgt den Worten ihres Urgroßvaters Salomon und findet ein Fenster im ehemaligen Rigaer Ghetto, das eng mit ihrer Familiengeschichte verknüpft ist - und sie zeichnet die Bewegungen von vier Generationen nach, vom sowjetischen Lettland der siebziger Jahre bis nach Deutschland.Ricarda Messner erzählt in ihrem Debütroman vom Ort ihrer Erinnerungen, kehrt immer wieder zurück zum Leben in zwei Wohnungen, nähert sich Verlusten und Lücken, verbindet Heute und Gestern.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 20.03.2025
Rezensentin Zelda Biller trifft sich mit Ricarda Messner zum Spaziergang in Charlottenburg, um danach dem Debütroman der Autorin eine ebenso persönliche wie hymnische Besprechung zu widmen. Wobei sie die Frage, ob es sich tatsächlich um einen Roman oder doch vielmehr um Erinnerungen handelt, offen lassen möchte. Wichtiger ist ihr ohnehin, dass Messner "zarte, ehrliche" und große Literatur geschaffen hat, so die Rezensentin, die gleich zu mehrfacher Lektüre rät. Worum geht es? 21 Jahre nach ihrer Geburt zieht die 1989 geborene Autorin zurück in das Charlottenburger Haus, das ihre Großeltern einst gemeinsam mit Messners Mutter bezogen, nachdem sie 1971 das "sowjetisch-antisemitische" Riga verlassen hatten. Ricarda Messner, noch unter dem Namen ihres jüdischen Urgroßvaters Levitanus geboren, notiert nun in einer großen Erinnerungscollage aus russischen, jüdischen, lettischen Liedtexten, "lakonisch-innigen" Sprachnachrichten der Großmutter und Zeugenaussagen zum Schicksal der Familie, von denen nicht wenige im Lettland der Vierziger von Nazis, Kollaborateuren und Sowjets ermordet wurden, die Geschichte ihrer Familie. Für die Kritikerin, die während der Lektüre auch die große Nähe zu Messners Großeltern spürt, ist das "Vergangenheitsinventur" im besten Sinne.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 18.03.2025
Rezensentin Lara Sielmann findet das Debüt von Ricarda Messner gelungen. Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer lettisch-jüdischen Großeltern als Teil der Geschichte der Krisen und Kriege des 20. Jahrhunderts und stellt sich selbst in den Familienzusammenhang, meint Sielmann. Eine poetische Spurensuche in Lettland und Berlin, für die die Autorin Nachlass-Dokumente der Großeltern herangezogen hat, die sie behutsam und reflektiert, doch nie sentimental in den Text einbaut, erklärt Sielmann angetan. Dass die Autorin Leerstellen zulässt, gehört zu den Pluspunkten des Romans, meint Sielmann.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 13.03.2025
Rezensentin Shirin Sojitrawalla liest Ricarda Messners Buch ausgesprochen gern. Die Autorin spürt darin, lesen wir, ihrer Familiengeschichte mütterlicherseits nach, die Erzählerin wohnt im Haus neben ihrer Großmutter und versucht, ihren Namen zu ändern. Und zwar in den jüdischen Namen der aus Lettland stammenden Mutter, wofür die deutschen Behörden allerdings kein Verständnis haben. Das kalte Behördendeutsch des deutschen Namensrechts nimmt Raum ein in diesem Buch, so Sojitrawalla, und es bildet einen Kontrast zu den warmherzigen Passagen, in denen die Erzählerin über ihre Großmutter schreibt. Erzählt wird von den Speisen, die die Großmutter zubereitet, ebenso wie von den Verbrechen der deutschen Wehrmacht und der Wiedervereinigung, die die Familie der Autorin keineswegs hoffnungsvoll stimmt. Insgesamt ist das ein eindrückliches, außergewöhnlich starkes Buch, das von Verlust erzählt, aber etwas von dem, was verloren geht, zu fassen bekommt, freut sich die Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.03.2025
Ein berührendes Buch über ihre Großmutter hat Ricarda Messner laut Rezensent Carlo Mariani geschrieben. Die Autorin begibt sich darin auf die Suche nach Spuren des Lebens einer inzwischen verstorbenen Frau, in deren unmittelbarer Nachbarschaft sie lange lebte. Sorgfältig dokumentiert Messner alles, was mit dem Leben ihrer jüdischen Großmutter und auch deren Vorfahren zu tun hat, ein Urgroßvater wurde im Ghetto Rigas von den Nazis ermordet, Messner recherchiert vor Ort, lesen wir. Zwischen den Erinnerungs- und Recherchepassagen, die von einer engen persönlichen Nähe erzählen und auch auf Details wie Frisuren und Mahlzeiten eingehen, scheint immer wieder Beamtendeutsch auf, erkennt der Kritiker: Die Autorin möchte den Namen Messner ablegen und stattdessen, wie die Großmutter, Levitanus heißen, aber die Behörden finden immer neue Gründe, weshalb das nicht geht. Der Rezensent ist beeindruckt davon, wie nah sich in diesem Buch Gegenwart und Vergangenheit kommen und wie dadurch das Fehlen der Großmutter greifbar wird.