Rétif de La Bretonne

Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz

Cover: Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz
Galiani Verlag Berlin, Berlin 2017
ISBN 9783869711614
Gebunden, 720 Seiten, 38,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Reinhard Kaiser. Der Knausgård des 18. Jahrhunderts - Rétif de la Bretonne. Es ist ein ungeheures Unterfangen, das Rétif de la Bretonne in der Vorrede seines Buches ankündigt: 'Ich gehe daran, Ihnen hier das ganze Leben eines Ihrer Mitmenschen vorzulegen, ohne etwas zu verschleiern, weder von seinen Gedanken, noch von seinen Taten. Der Mensch, dessen Seele ich hier anatomieren werde, konnte allerdings kein anderer sein als ich selbst.' Und er macht ernst - völlig ungeschminkt erzählt er alles, was ihn einst bewegte, alles, was er tat, und alles, was er dachte: Gutes wie Böses, Edles, Niederträchtiges, Verwerfliches, Peinliches, Obszönes, Widerliches, Naives, Lobenswertes. Alles. Und er schreibt damit eines der schonungslosesten, aber auch großartigsten Memoirenwerke aller Zeiten, ebenbürtig einem Samuel Pepys, Jean-Jacques Rousseau oder Giacomo Casanova. Von der Jugend auf dem Land über die Zeit in der Klosterschule bis in die Zeit als Drucker und Schriftsteller in Paris, wo er zum berühmtesten Beobachter der niederen Stände wird. Unzähligen Frauen begegnet der leicht entflammbare und triebhafte Rétif auf seinem Weg, und auf alle möglichen Weisen versucht er sich ihnen zu nähern. Er liefert ein ungemein reichhaltiges Zeitbild Frankreichs vor und während der Revolution - und eine Tiefenbohrung in die menschliche Psyche.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.03.2018

Rezensent Fritz Göttler erkennt Rousseaus "Confessions" hinter Retif de la Bretonnes Memoiren: Genauso viel Sinnlichkeit, Erfahrungs- und Abenteuerlust findet der Kritiker hier, der sich sehr über die Übersetzung und "diskrete" Kommentierung von Reinhard Keiser freut. Göttler begleitet Bretonne hier von der bäuerlichen Herkunftswelt über die ersten schriftstellerischen Erfolge bis hin zur Armut nach der Revolution, liest von zahlreichen sexuellen Eskapaden und muss nach der Lektüre der authentischen, aber mitunter "burlesken" Episoden allerdings einröäumen: Hier schrieb eher ein "Handwerker" denn ein Intellektueller.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 01.02.2018

Der hier rezensierende Dichter Durs Grünbein liest die erotische Biografie des Franzosen Retif de la Bretonne und stellt fest: So radikal authentisch wie Knausgard war schon das 18. Jahrhundert. Die "glänzende" Übertragung von Reinhard Kaiser lässt die Pornofilmindusrie blass aussehen, schwört Nostalgiker Grünbein, auch wenn er beim sexuellen Appetit des Autor mehr als einmal schlucken muss. Bis zum Inzest trieb es Retif de la Bretonne, der Spezialist für die sexuellen Strukturen seiner Gesellschaft und soziologischen Details, der Erotomane und Frauenliebling, meint Grünbein. Das Zeitalter der "erotischen Hauruck-Aktionen" mit Bauernmädchen, Mägden, Wäscherinnen, Prostituierten und Damen der höheren Gesellschaft hinter Hecken und dicken Polstern vermag ihm der Autor lebhaft vor Augen zu führen, und die Ambivalenz der Obsessionen ebenso.