Raphael Gross

Anständig geblieben

Nationalsozialistische Moral. Schriftenreihe des Fritz Bauer Instituts
Cover: Anständig geblieben
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010
ISBN 9783100287137
Gebunden, 192 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Ehre, Treue, Schande und Kameradschaft: Raphael Gross stellt in diesem Buch eine moralhistorische Perspektive auf die NS-Geschichte vor. Er zeigt, dass erst ein System von gegenseitig eingeforderten moralischen Gefühlen und Tugenden die Begeisterung der deutschen Bevölkerung für die nationalsozialistische Volksgemeinschaft ermöglicht hat. Politische Reden, Schulbücher und ebenso der scheinbar apolitische Unterhaltungsbetrieb waren von dieser Moral geprägt. Raphael Gross zeigt in seiner Darstellung, dass diese von vielen getragene, verbrecherische NS-Moral nach der militärischen Niederlage 1945 nicht plötzlich verschwunden ist.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 31.03.2011

Ganz überzeugt ist der hier rezensierende Historiker Ulrich Herbert nicht von dieser Studie seines Kollegen Raphael Gross, aber er sieht eine richtige Richtung eingeschlagen und neue Perspektiven eröffnet. Anhand verschiedener Beispiele lege Gross dar, wie sich die Nationalsozialisten eine affektive Zustimmung in der Bevölkerung gesichert haben, die auch nach dem Ende ihrer Herrschaft fortwirkte. So deutet Gross etwa eine Szene aus dem Film "Der Untergang" folgendermaßen: Der SS-Arzt Schenck wurde darin in dem Moment zur positiven Identifikationsfigur, als er Hitler entgegentrat, der die deutsche Bevölkerung in seinen eigenen Untergang mitreißen wollte. Hier wirke die "Treue zum deutschen Volk" als der moralische Kitt, der die Zuschauer noch heute mit einem Obersturmbannführer verbinde. Rezensent Herbert findet diesen Mechanismus zwar nachvollziehbar dargestellt, fragt aber, worin hier die spezifisch nationalsozialistische Moral bestanden haben soll, wenn sie mehr sein soll als eine nationalistische. Auch bei Gross' Auseinandersetzung mit Martin Walsers Paulskirchenrede sieht er interessante Ansätze, aber am Ende die Fragen eher angeschnitten als beantwortet.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.10.2010

Durchwachsen findet Rezensent Ahlrich Meyer diese "moralgeschichtliche" Untersuchung zum Nationalsozialismus von Raphael Gross. Zustimmend äußert er sich zur Ausgangsthese des Historikers, Nationalsozialismus und Moral stellten keinen Widerspruch dar, sofern man zwischen universeller und partikularer, nur für bestimmte Menschengruppen gültige Moral wie der des Nationalsozialismus unterscheide. Allerdings hält er den theoretischen Rahmen der Arbeit für problematisch. Er moniert in diesem Zusammenhang zahlreiche begriffliche Unklarheiten und Äquivokationen. So bleibe die Abgrenzung von "nationalsozialistischer Moral" und Ideologie, Mentalität, Gesinnung durchaus fließend. Fraglich scheint ihm zudem, was damit gewonnen ist, ein eine ganze Reihe von Einstellungen und Verhaltensweisen wie völkische Ideologie, Rassismus, Führerbegeisterung oder Zustimmung zum Regime unter den Begriff der "nationalsozialistischen Moral" zu subsumieren. Mit Lob bedenkt er dagegen das Kapitel über den Eichmann-Prozess und die Untersuchung des Spruchkammerverfahrens gegen Konrad Morgen, SS-Richter und "Korruptionsexperten" Himmlers.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.09.2010

Willi Winkler verfolgt diese Untersuchung der nationalsozialistischen Moral von ihrem Ausgangspunkt (Heinrich Himmlers Posener Rede) und stellt fest: Eine Studie ist das nicht, allenfalls die Aneinanderreihung von überarbeiteten Aufsätzen und Vorlesungen. Dass der Autor Raphael Gross keine Moralgeschichte geschrieben hat, die den Übergang vom Nationalsozialismus zum Nachkriegsdeutschland untersucht, bedauert der Rezensent. Die Texte findet er dennoch lesenswert, vor allem einen über Jaspers Schrift "Die Schuldfrage". Martin Walsers Paulskirchenrede, meint Winkler, hätte übrigens auch gut ins Buch gepasst.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.09.2010

Oliver Pfohlmann hat mit großer Faszination Raphael Gross' Studie zur NS-Moral gelesen. Der im ersten Moment widersprüchliche Begriff "Moral" in Zusammenhang mit den NS-Verbrechen klärt sich, wenn man versteht, dass der in Frankfurt lehrende Historiker hier Ernst Tugendhats Unterscheidung zwischen einer universalen, für alle geltenden und einer "partikularen", für bestimmte Gruppen geltenden Moralvorstellung übernimmt, so der Rezensent zustimmend. Er entdeckt in dem Buch Übereinstimmungen mit den Thesen von Daniel Goldhagen zum Antisemitismus der Mehrheit der deutschen Bevölkerung, wobei Pfohlmann anmerkt, dass hier neuere, stärker differenzierende Untersuchungen ignoriert werden. Dennoch findet der Rezensent den Ansatz, die NS-Zeit "von innen heraus" zu untersuchen, "überraschend neu" und entnimmt insbesondere Gross' Fallstudien der Nachkriegszeit, die belegen, dass die Mehrheit weiter einem partikularen Moralverständnis anhing. Hervorhebenswert erscheinen Pfohlmann zudem die Beispiele aus jüngster Zeit, insbesondere die "frappierenden Analysen" zum Film "Der Untergang" oder der Friedenspreisrede von Martin Walser, die weiterhin eine partikulare Moral pflegen, wie er überzeugend dargelegt sieht.
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