Ralf Rothmann

Hitze

Roman
Cover: Hitze
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783518413968
Gebunden, 294 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Seit dem Tod seiner Lebensgefährtin, der ihn völlig aus der Bahn geworfen hat, arbeitet der Kameramann Simon deLoo als Hilfskoch in einer Großküche in Berlin Kreuzberg. Eines Tages glaubt er in einer jungen polnischen Stadtstreicherin die Silhouette seiner toten Frau wiederzuerkennen. Er versorgt sie mit deren Kleidung, überlässt ihr die leerstehende Wohnung - doch Lucilla entzieht sich ihm: Sie ist auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit und will sich nicht mit ihm einlassen ...

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.08.2003

Mit einem langen Porträt würdigt Rezensentin Susanne Messmer den Schriftsteller Ralf Rothmann, der 1991 mit seinem Debüt "Stier" einen "Knaller" landete, und nun mit "Hitze" seinen fünften Roman vorlegt. Auch "Hitze" kreist nach Auskunft Messmers um Rothmanns großes Thema, die "Unmöglichkeit, sich vom schwebenden Zustand der Pubertät loszureißen". Die Geschichte um den Kameramann Simon deLoo, der in Großküchen arbeitet, weil er den Tod der Freundin nicht verkraften kann, versteht Messmer als Geschichte eines (Anti-)Helden, der rebelliert, aber an seiner Rebellion stark zweifelt. Die Skepsis von Rothmanns Helden, auch die Verweigerungshaltung deLoos, spiegelt nach Ansicht Messmers auch das Image Ralf Rothmanns, das er von sich entwerfe. Als Sohn eines Bergarbeiters 1953 im Ruhrgebiet geboren, zog Rothmann 1976 nach Berlin, wo er Jahre lang, bevor er vom Schreiben leben konnte, als Koch, Krankenpfleger, Drucker, in der Kneipe, als Fahrer in einem Architekturbüro arbeitet, berichtet Messmer. Sie charakterisiert ihn als einen Autor, der wie seine Figuren, zwischen allen Stühlen sitzt, zu jung für 1968, zu alt für Punk und New Wave, zwischen Pop und Innerlichkeit, ohne beides zu sehr zu sein, "angenehm unentschlossen" zwischen dem Image des Arbeiterautors und Sozialaufsteigers pendelnd, ohne sich je instrumentalisieren zu lassen oder Sozial-Kitsch zu produzieren. Autoren wie Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre und Florian Illies hat er nach Messmer eines voraus: bei ihm "fühlt sich noch alles nach Aufbruch an", so die Rezensentin, "nach Aufbruch ohne Ende".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.07.2003

Mit diesem Buch hat sich Ralf Rothmann nach Meinung der Rezensentin Beatrix Langer ein bisschen zwischen die Stühle gesetzt: "'Hitze' ist ein sozialkritischer Roman, der, weil es aus der Mode ist, eigentlich keiner sein will". Darüber, dass Rothmann "sein moralisches Temperament zügelt" und "Sozialkitsch" um jeden Preis zu vermeiden sucht, scheint Langer etwas enttäuscht. Denn die Handlung wirkt ihrer Meinung nach bisweilen etwas beliebig: "Der auktoriale Blick macht keinen Unterschied zwischen Menschen, Tieren, Dingen." Und auch das dramatische Ende erstaunt Langner, die sich nicht scheut, es zu verraten. Trotzdem ist das für sie ein typisches Rothmann-Finale: "allegro vivace".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.05.2003

Es gab mal eine "Literatur der Arbeitswelt", erinnert sich Martin Krumbholz, die das westdeutsche Arbeitermilieu in den "Bottroper Protokollen" dokumentierte und damit ein Stück bundesdeutsche Mentalitätsgeschichte schrieb. Bevorzugter Austragungsort solcher sozialliterarischer Ambitionen war das Ruhrgebiet, woher auch Ralf Rothmann stammt. Rothmann lebt längst in Berlin, weiß Krumbholz, wo es inzwischen viel "kohlenpottiger" als im Ruhrpott selbst zugeht. Die Bezugnahme auf die "Literatur der Arbeitswelt" kommt Krumbholz nicht einfach so in den Sinn; der Rezensent äußert Befremden gegenüber Rothmanns jüngstem Roman "Hitze", der zwar in Berlin und Polen spielt, aber ähnlich penibel wie einst die "Bottroper Protokolle" das Arbeitsmilieu einer Großküche eruiert. Rothmann konzentriert sich völlig auf die Erfassung der Außenwelt, behauptet Krumbholz, sehr authentisch und mit Sicherheit phantasievoller als die alten Literaten der Arbeitswelt; dafür schickt er einen völlig schweigsamen aber feinsinnigen Helden durch die Berliner Arbeitswelt, über dessen Motive der Leser und Rezensent nichts erfährt. Eben diese Erzählhaltung irritiert Krumbholz: Welche Motivation hat der Protagonist, in diese "raue Männerwelt" abzutauchen, fragt unser Rezensent. Und was habe den Autor dazu bewogen, die Dramaturgie des Buches in der Mitte umzuschmeißen und eine spröde Liebesgeschichte im sommerlich heißen Polen einzuführen, die dann ebenso geheimnisvoll wieder aufhört? "Hitze" ist atmosphärisch dicht, ja sie wird fast physisch spürbar, und doch kann er keinen Anteil nehmen, schreibt Krumbholz ratlos.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.03.2003

Eine wundersame Geschichte erzählt Ralf Rothmann in seinem neuen Roman, meint Markus Clauer "aber ganz ohne Brimborium", und "so ernst, dass es zum Schmunzeln" sei: die Entwicklungsgeschichte eines zufriedenen Hiob. Die Handlung hat Rothmann, den Clauer einen "Christologen in der fast gottverlassenen Landschaft der Gegenwartsliteratur" nennt, vom Ruhrpott ins Berliner Kreuzberg verlegt, doch auch hier scheinen dem Rezensenten "Schönheit und Mysterium", Demutswillen und Glaubenwollen die Dinge des dunklen Alltags zu erleuchten. Erzählt wird die Geschichte eines 40-jährigen Ex-Kameramannes, dem mit dem Tod seiner Liebe auch die Lebensperspektive abhanden gekommen ist. Wiederzufinden glaubt er sie in der jungen Polin Lucilla, die ihr Leben als Streunerin in Berlin fristet. Mit ihr flieht er zurück hinter die polnische Grenze, in das "idyllische Schlachtfeld der Geschäftemacher und schwachen Männer". Am Ende weiß man zwar mehr von der Welt, wundert sich der Rezensent, ist aber doch "erschüttert, dass sie immer noch so viele Geheimnisse haben soll".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.03.2003

Ralf Rothmanns Figuren stehen unter Kalauerzwang, stellt Christoph Bartmann fest und meint dies keineswegs abwertend. Denn kaum ein Schriftsteller erweise sich als so feinfühliger Protokollant eines eher randständigen Milieus. Das siedelte lange Zeit im Ruhrgebiet, mittlerweile aber lebt der Autor schon lange in Berlin, weiß Bartmann, und endlich finde sich diese Stadt in einem Roman Rothmanns wieder. Als gäbe es hier keine Sprücheklopfer! Neben aller Aufmerksamkeit für die Details der Alltagssprache zeugen Rothmanns Bücher immer auch von einem asketischen Programm, von einem heiligen Ernst, gibt Bartmann zu bedenken. Nicht dass den Büchern der Humor fehlt, sinniert er, sondern sie funktionierten gerade aufgrund des fehlenden Humors. Simon deLoo, der Held in "Hitze", sei ein schweigsamer Mensch. Ihn hat der Tod der Freundin aus der Bahn geworfen, und er liefert sich daraufhin einem miesen Job aus, später folgt er einer rätselhaften Polin einen Sommer lang nach Polen. Für Bartmann ist deLoo die Verkörperung von Rothmanns asketischem Programm: er setze sich solange dem Ekel und der Dummheit aus, bis er daran gesunde.
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