Ralf Rothmann

Ein Winter unter Hirschen

Erzählungen
Cover: Ein Winter unter Hirschen
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783518412688
Gebunden, 195 Seiten, 19,43 EUR

Klappentext

Das Befremdliche im Alltag, die Verlorenheit im eigenen Leben, den Schwebezustand zwischen Realität und Wunderbarem glaubhaft zu machen, darum geht es Ralf Rothmann. Ob zwei Mädchen ihre jeweiligen Freunde durchdeklinieren; ob ein alternder, von der Kündigung bedrohter Drucker von einer "Erleuchtung durch Fußball" erzählt oder ein schüchterner Sechzehnjähriger von der Nacht, in der er seinen Vater als Portier im sogenannten "Bullenkloster" vertritt; ob eine junge Frau von ihrem Zusammenleben mit einem Jagdhelfer spricht oder ein Berliner Müßiggänger einen seltsamen Tausch ? Hund gegen Führerschein ? und die traurigen Folgen schildert...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.02.2002

Rezensent Daniel Teufel hat dieser Erzählband sehr gefallen, und er nimmt sich viel Platz, das zu begründen. Wie seine Romane spielten auch Rothmanns Erzählungen im kleinbürgerlichen oder proletarischen Milieu, in einer Welt, die kalt sei und viele unausgesprochenen Wünsche offen lasse. Rothmann gelingt es "meisterlich mit den Mitteln der Aussparung", die Unfähigkeit seiner Figuren, Gefühle und Sehnsüchte in Worte zu fassen, zum Ausdruck zu bringen, lobt der Rezensent. Auch den Konflikt um die mögliche Freiheit, die in jedem von Rothmann beschriebenen Schicksal eine ungenutzte Chance bleibt, gestalte der Autor eindrucksvoll. Für die Tatsache, dass er dabei nicht in den Kitsch abgleitet, sieht Teufel zwei Gründe: Rothmann halte Distanz zu seinen Figuren und sei ihnen doch zugetan. Diese "Herzlichkeit auf Entfernung" ermöglicht feine Ironie und vermeidet den klinischen Blick, stellt er fest. Aber auch Rothmanns "bildhaft-poetische und derb realistische" Sprache und die "klar gefügten Hauptsätze", die nur scheinbar einfach anmuten, tragen zum Gelingen der Erzählungen bei, lobt Teufel.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.02.2002

Hubert Spiegel zeigt sich beeindruckt von diesem Erzählungsband. Dass das Todesmotiv Rothmanns Geschichten "als schwarzglänzendes Band" durchzieht, stört ihn ebenso wenig wie der Umstand, dass in ihnen nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Wenn der Autor vor der Verwendung biblischer Motive und vor Transzendenz nicht zurückschreckt, wie Spiegel erklärt, so lässt sich damit deshalb leben, weil der "melancholische Realist" Rothmann nicht nur eine "große Begabung für die Schilderung von Tonfällen und Milieus" und "feinste Sensibilität für das Innenleben" der Figuren aufbringt, sondern in der Lage ist, deren "Rohheit und Sprachlosigkeit mit einer metaphysischen Sehnsucht" zu verbinden: "Was wir sehen, ist die Schönheit des Alltäglichen".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.10.2001

Ralph Rothmann, der einigen Lesern als Romancier des Ruhrgebietes bekannt sein dürfte, erzählt in seinen zwölf Geschichten vom täglichen Leben und Sterben der kleinen und "mittleren" Leute der alten Bundesrepublik, schreibt Franz Haas. Bis auf zwei Geschichten, in denen der Autor sein sprachliches Feingefühl leider ein wenig vergeudet habe, hält der Rezensent den Band für außerordentlich gelungen, ja, für einen literarisch großen Wurf. Große kleine Prosa stelle Rothmann hier vor, stets brilliere er bestechend, verblüffend, mit einfühlsamem literarischen Geschick und haarfein arrangiert mit guter alter Rollenprosa, schwärmt der Rezensent. Jeder Ökonom müsste hellerfreut darüber sein, mutmaßt Haas, wie viel Rothmann auf wenigen Seiten zu erzählen weiß. In knappen Reden vermöge der Autor, deutsche Befindlichkeiten abzubilden, seien es die eines Stahlkochers, eines 16-jährigen Schülers oder einer Krankenschwester. Rothmann, resümiert Hass, ist ein wahrer "Meisterspion fremden Innenlebens". Seine explizite Empfehlung, dieses Buch unbedingt zu lesen, erübrigt sich angesichts seines langen und überaus positiven Werturteils.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.10.2001

Hubert Winkels zeigt sich beeindruckt von den zwölf Geschichten in Ralf Rothmanns neuen Buch und vergleicht den Autor hinsichtlich seiner Knappheit und Strenge beim Erzählen und seiner sorgfältig kultivierten "Intensivierung durch Weglassen" mit Raymond Carver. Diese stilistische Sparsamkeit diene "dazu, das Erhabene zu kaschieren, das 'Heilignüchterne' der Geschichten zu schützen". In Rothmanns Geschichten gehe es immer wieder um das menschliche Elend, und er arbeite sich dabei an seiner eigenen Zerrissenheit ab: der Skepsis "gegenüber allen Formen der religiösen oder anderweitigen Erleuchtung" aber auch dem Grauen angesichts "des schmutzigen Alltags", die ihn dann doch manchmal biblisch werden ließen. Für Winkels ist Rothmann jedenfalls ein "herausragend lakonischer Erzähler".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.08.2001

Ohne Hund geht in diesen Geschichten gar nichts, das vornweg und nebenbei. Sodann kommt Kristina Maidt-Zinke auf das wirklich Merkwürdige dieser Erzählkunst zu sprechen: dass sie nämlich den Anschein erweckt, eben keine Kunst zu sein, dies allerdings sehr redlich. Die Darstellung fremder Innenwelten "wirkt hier nicht wie ein technischer Trick, sondern wie ein mit großem Ernst betriebenes Exerzitium menschlicher Einfühlung." Und das Geschehen? Irritiert die Rezensentin ordentlich, "weil es unspektakulär und zugleich abseitig ist, einer schwer zu durchschaubaren Dramaturgie gehorcht und oft seltsam abrupt endet." Und dann sind da diese Leerstellen, aus ihnen, denkt sich Maidt-Zinke, beziehen die Texte ihre Kraft, und aus ihrer Verbindung mit "Bildern einer ernüchternd diesseitigen Wirklichkeit". Außer im letzten Stück der Sammlung. Da riecht's gefährlich nach dem "süßlichen Parfüm von avanciertem Reisejournalismus und esoterischem Liebesgeraune." Igitt.
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