Aufgewachsen in einer Berliner jüdischen Familie starteten beide eine Revolte gegen den autoritären Vater und den Chauvinismus des Ersten Weltkrieges. Werner inspirierte den jüngeren Bruder zum Zionismus, er selbst bekannte sich nach langer Sinnsuche zum Kommunismus. Werner Scholem stieg schnell auf, in den Reichstag und die KPD-Zentrale. Als Organisationsleiter "bolschewisierte" Scholem die KPD, nur um 1926 als erbitterter Gegner Stalins aus der Partei geworfen zu werden. 1933 wurde Scholem unter mysteriösen Umständen verhaftet, 1935 überraschend vom NS-Volksgerichtshof freigesprochen, jedoch nie freigelassen. Scholem wurde 1940 im KZ Buchenwald ermordet. Bis heute ranken sich literarische Legenden um seine Verhaftung. Franz Jung und Alexander Kluge erzählten sie als Spionagedrama, eine besondere Rolle spielte Scholem auch in Hans-Magnus Enzensbergers Roman "Hammerstein oder Der Eigensinn" (2008). War Scholem Agent im Auftrag der Sowjetunion? Verführte er die Generalstochter Marie-Louise von Hammerstein, um ihr die Aufmarschpläne der Reichswehr gen Osten zu entlocken?
Was für ein Leben! Der hier rezensierende Historiker Gerd Koenen stellt in seiner Rezension zwei Biografien - von Mirjam Zadoff und Ralf Hoffrogge - über den deutschen Kommunisten und Juden Werner Scholem vor. Scholem gelangte in den zwanziger Jahren mit Unterstützung Stalins an die Spitze der deutschen KPD, wo er 1924/25 zum "Org.sekretär" der Partei aufstieg. Von 1924 bis 1928 saß er als Abgeordneter der KPD im Reichstag, owohl er bereits 1926 als Linksabweichler von der Partei ausgeschlossen wurde. Im Reichstag, erzählt Koenen, machte sich Scholem, der genauso aussah, wie ein Nazi sich einen Juden vorstellte, zur Hassfigur, weil er den deutschnationalen "Kälberfressen" ihren Antisemitismus kräftig heimzahlte. 1933 wurde er von den Nazis festgenommen und 1940 von einem SS-Mann in Buchenweld "auf der Flucht" erschossen. Anders als Mirjam Zadoff, die Scholem vor allem als tragisch gescheiterten Juden beschreibt, widmet sich Ralf Hoffrogge der "politischen Wirkungszeit" Scholems und dem "kommunistischen Lebensmilieu der 1920er Jahre", erklärt der Rezensent, der diese Biografie "genauer und schlüssiger" und überdies "gut lesbar und komponiert" findet.
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