Tania Puschnerat

Clara Zetkin

Bürgerlichkeit und Marxismus
Cover: Clara Zetkin
Klartext Verlag, Essen 2003
ISBN 9783898612005
Gebunden, 463 Seiten, 29,80 EUR

Klappentext

Die vorliegende Zetkin-Biografie will sich politischer Indienstnahme entziehen. Auf Grundlage des bislang umfangreichsten archivalischen Materials, erhoben aus den Zetkin-Nachlässen u.a. im ehemaligen SED-Parteiarchiv und im Komintern-Archiv in Moskau, wird Zetkins privates und politisches Leben lückenlos rekonstruiert. Zugleich versteht sich diese Lebensbeschreibung als mentalitätsgeschichtliche Fallstudie zum Thema "Bürgerlichkeit und Marxismus": Am Beispiel der aus bürgerlichem Milieu stammenden Sozialistin und Kommunistin soll der Einfluss bürgerlicher Weltdeutungsmuster auf Theorie und Praxis der sozialdemokratischen und kommunistischen Bewegung im letzten Drittel des 19. und im ersten des 20. Jahrhunderts beschrieben werden.
Zetkins langes aktives politisches Leben, das vom Sozialistengesetz 1878 bis zur Verfolgung der Kommunisten 1933 reicht, reflektiert auf vielfältige Weise die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und mit dieser die Geschichte der deutschen Gesellschaft des Kaiserreichs und der Weimarer Republik.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2004

Mit großem Interesse hat Rezensent Jochen Staadt die Auseinandersetzung Tania Puschnerats mit Clara Zetkin gelesen. Staadt bespricht das Buch zusammen mit zwei weiteren Publikationen zur Deutschen Oktoberrevolution, die die KPD 1923 für den 9. November geplant hatte. Puschnerats Arbeit überzeugt den Rezensenten vor allem als "mentalitätsgeschichtliche Fallstudie", die mit breitem Quellenmaterial darlege, wie Zetkin, Tochter eines streng protestantischen Elternhauses, "die Werte und Normen ihrer bürgerlichen Jugend in einen sozialistischen, später kommunistischen Tugendkatalog überführt und zu einem 'Weltanschauungstotalitarismus' verdichtet" habe. Diese Entwicklung zeigt die Autorin nach Staadts Meinung spannend und einfühlsam zugleich (während die Kapitel über ihre politische Arbeit in der SPD und später KPD gegenüber diesem "furiosen Anfang" abfallen). Doch hat ihm die Autorin schlüssig gezeigt, dass der Marxismus-Leninismus also "eine mögliche ideologische Ausprägung bürgerlicher Mentalität" war und Zetkins weltanschaulicher Totalitarismus in enger Verwandtschaft zur Konservativen Revolution stand, deren Exponenten Ernst Jünger oder Carl Schmitt den Liberalismus und Pluralismus ebenfalls ablehnten. Diese Nähe der Extreme sieht Staadt nicht zuletzt dadurch manifestiert, dass beide Pole ausgerechnet für den 9. November 1923 den Sturz der Weimarer Republik geplant hatten.