Rainer Maria Rilke

Tagebuch Westerwede und Paris. 1902

Taschenbuch Nr. 1. Faksimile der Handschrift und Transkription
Cover: Tagebuch Westerwede und Paris. 1902
Insel Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783458170433
Gebunden, 120 Seiten, 112,48 EUR

Klappentext

Aus dem Nachlass herausgegeben von Hella Sieber-Rilke. Limitierte Auflage von 1000 Exemplaren. 2 Bände in Schmuckkassette. Gemeinsam mit dem Insel Verlag gibt das Rilke-Archiv in Gernsbach zum 125. Geburtstag Rainer Maria Rilkes das bislang unveröffentlichte »Taschenbuch« des Dichters aus dem Nachlass heraus.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.08.2001

In einer Doppelrezension bespricht Silvia Henke zwei Bücher, die Aufschluss über Rainer Maria Rilkes Verhältnis zu Auguste Rodin geben: Den "Briefwechsel" von Rilke und Rodin und Rilkes "Tagebuch. Westerwede, Paris 1902" (beide Insel Verlag)
In Henkes ausführlicher Rezension wird nicht immer deutlich, welche Erkenntnisse sie aus dem Briefwechsel und welche sie aus dem Tagebuch gewonnen hat. Allerdings weist sie darauf hin, dass der Briefband - erstmals ins Deutsche übersetzt - nicht nur sämtliche Briefe Rilkes an Rodin enthält, sondern auch Briefe Rilkes an Dritte, die Aufschluss über sein Verhältnis zu Rodin geben. Dass umgekehrt kaum Briefe von Rodin an Rilke erhalten sind, kann die Rezensentin verschmerzen, da für Rodin Briefe "in erster Linie ein funktionales Instrument der Verständigung" gewesen seien. Die Lektüre der Tagebücher empfiehlt die Rezensentin ausdrücklich, weil sie ihrer Meinung nach wesentlichen Aufschluss über Rilkes Lebenslage zur Zeit des Briefwechsels geben und viel über Rilkes Einstellung zu Leben und Kunst offenbaren. Deutlich wird nach Henke insgesamt, wie einseitig die Bewunderung Rilkes für Rodin in den ersten Jahren gewesen ist, bevor das Verhältnis durch Rodins Art und Weise, Menschen nur nach Nützlichkeit und Funktionalität zu beurteilen, für lange Zeit abbrach. Erst als Rodin gezwungen war, Rilke auch als Künstler anzuerkennen, stellte sich so etwas wie Ebenbürtigkeit ein, referiert Henke. Doch deutlich werde bei der Lektüre auch, dass das Vorbild Rodin für Rilke in den späteren Jahren "zerfiel". Für Rilke habe es keine Trennung von Leben und Kunst gegeben, doch habe er erkennen müssen, dass sich Rodin nach "Feierabend" genauso verhielt 'wie jeder andere alte Franzose', mit Mätressen und Langeweile. Diese Distanzierung Rilkes scheint in beiden Büchern offenbar sehr deutlich spürbar zu sein.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.12.2000

Am vierten Dezember jährt sich der Geburtstag Rainer Maria Rilkes zum 125. Mal. Hansjörg Graf begrüßt das Erscheinen eines Tagebuches sowie zweier Bände mit Korrespondenzen, die Einblick geben in Entscheidungen Rilkes seine Kunst und sein Leben betreffend.
1) Rainer Maria Rilke/Magda von Hattingberg: "Benvenuta. Briefwechsel"
Was eignet sich besser als Kommentar zum Thema "Rilke und die Frauen" als seine Briefe an Frauen, fragt Graf, schließlich seien sie ein authentischer Kommentar. Wer sie liest und interpretiert, müsse jedoch in jedem Fall auch die Entstehungsbedingungen berücksichtigen - schließlich lebte und liebte es sich damals nicht immer einfach. Als "eine Geschichte der schönen Verzögerungen" bezeichnet Graf den Briefwechsel Rilkes mit der Wiener Konzertpianistin Magda von Hattingberg, der von Ängsten seinerseits und Ungestüm ihrerseits geprägt war. Ein Treffen verschoben die beiden immer wieder, als es dann stattfand, so Graf, begann sich auch die Beziehung zu normalisieren und das Ende der Korrespondenz einzuläuten. Literarisch seien die Briefe gleichbedeutend mit denen, die Rilke mit Lou Andreas-Salomé oder Marie von Thurn und Taxis wechselte, behauptet der Rezensent.
2) Rainer Maria Rilke/Claire Goll: "Ich sehne mich sehr nach deinen blauen Briefen". Briefwechsel.
Eher den "Charakter eines Nachspiels" trage hingegen der Briefwechsel Rilkes mit Claire Goll, behauptet Graf; die Briefe aus den sechs Jahren ihrer (Brief-)Freundschaft bezeugen weniger künstlerische Überlegungen, sondern geben Auskunft über Leben und Freunde des Dichters, informiert uns der Rezensent. Die Herausgeberin Barbara Glauert-Hesse habe die Briefe gehaltvoll kommentiert - manchmal ist im Kommentar gar mehr Gehalt als in den Briefen, gesteht Graf. Lobenswerterweise enthält der Band am Ende den Nachruf Claire Golls auf den 1926 verstorbenen Dichter, in dem sie auch sein Verhältnis zu Frauen beleuchtete. Graf zitiert: "... unfähig zu verlassen, hoffte er immer verlassen zu werden."
3) Rainer Maria Rilke: "Tagebuch Westerwede Paris. 1902". Taschenbuch Nr. 1
Ein Taschenkalender diente Rilke im Jahr 1902 zur Aufzeichnung seiner Notizen - daher der Untertitel "Taschenbuch". Ein Dokument, so Graf, das wichtige Weichenstellungen und viele krisenhafte Momente in Rilkes Leben einfängt. Graf zählt auf: das Scheitern der Ehe mit Clara Westerhoff, der Umzug von Westerwede nach Paris, Rilkes Beobachtungen in Paris, die man laut Graf sowohl Jahre später im "Malte Laurids Brigge" oder in Rilkes Rodin-Monografie wiederfinden kann. Die bibliophile Gestaltung des erstmals veröffentlichten Tagebuchs, bei der die Übereinstimmung von Form und Inhalt den Ausschlag gibt, findet großes Lob des Rezensenten. Ein schönes Geburtstagsgeschenk.
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