Aus dem Amerikanischen von Felix Kurz. "Jahrhundertkrise", "Bankencrash", "Systemkollaps" - markige Worte wurden bemüht, um die Wirtschaftskrise zu beschreiben, die in den letzten Jahren zum Bankrott ganzer Länder geführt hat und den Euro an den Rand des Abgrunds trieb. Markige Worte, die nach grundlegenden Änderungen schreien. Doch als wäre nichts geschehen, geht alles weiter wie bisher: Die neoliberale Wirtschaft beginnt erneut heißzulaufen, Staatsinvestitionen sind weiter verpönt und schon sieht man wieder die ersten Spekulationsblasen wachsen. Angesichts dieser aberwitzigen Beharrungskräfte verfolgt Philip Mirowski das neoliberale Projekt bis zu seinen Anfängen zurück und zeigt, wie es gelingen konnte, der Welt eine ökonomische Theorie nach starren mathematischen Gesetzen überzustülpen, die sich als stählernes Mantra festgesetzt hat. Seine Untersuchung, die Intellectual History, Kulturkritik und die Aufdeckung des Einflusses mächtiger Interessenverbände umfasst, zeigt zudem, dass sich der Neoliberalismus mittlerweile zu einer Kultur verdichtet hat, die alle Bereiche unseres Lebens bestimmt und auch unser Denken fest im Griff hat. Die Krise der Wirtschaft entpuppt sich so auch als intellektuelle Krise.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 13.10.2015
Zusammen mit Colin Crouchs "Bezifferte Welt" bespricht Kai Schlieter das Buch "Untote leben länger" des Wirtschaftshistorikers Philip Mirowski. Letzterer versucht herauszufinden, warum der Neoliberalismus die Finanzkrise in den Jahren seit 2008 praktisch unbeschadet überstanden habe, und laut Schlieter führt Mirowski dieses befremdliche Überleben auf einen Kreis äußerst einflussreicher Personen in Wirtschaft und Politik zurück, der sich 1947 um Personen wie August von Hayek, Karl Popper und Milton Friedman zusammenfand und seitdem als "Mont Pelerin Society" existiert. Sie habe es verstanden, den Neoliberalismus in den kleinsten Handlungen des Individuums wirksam zu machen, um den Staat auszuschalten. Dass persönliche Daten 2011 vom Weltwirtschaftsforum zur offiziellen Anlageklasse erklärt wurden, sieht der Rezensent als einen beispielhaften Sieg besagter Society der letzten Jahre.
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