Peter Nadas

Freiheitsübungen

und andere Kleine Prosa
Cover: Freiheitsübungen
Berlin Verlag, Berlin 2004
ISBN 9783827005335
Gebunden, 240 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Ruth Futaky, Zsuzsanna Gahse, Laszlo Kornitzer und Ilma Rakusa. Die splitternackte Schwarze, die sich bei frostklirrender Kälte auf dem Trottoir wäscht, und die New Yorker eilen mit hochgeklapptem Kragen vorbei; zwei Männer und eine Frau, die in einem Pariser Park die immer gleichen Runden drehen, und mit ihnen läuft ein geheimes Leben; oder der in einen Müllsack gehüllte Bettler, der, wie in einem rituellen Tanz, ununterbrochen brüllend herumhopst - solche einprägsamen sozialen Bilder, Freiheitsübungen eben, notiert Peter Nadas heute, nach seinem Leben in der Diktatur. Seine Folgerung daraus gleicht einer Bankrotterklärung: Freiheit scheint zu bedeuten, "dass die Realität meiner Umstände immer den Vorrang hat vor der Verpflichtung, Orientierungspunkte zu finden".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.12.2004

Nicole Henneberg hat meisterhafte Miniaturen eines "erzählenden Philosophen" gelesen, der "nach etwas sucht, von dem er von vornherein weiß, dass er es nicht finden wird: ein heiles Zeichen, einen festen Punkt unter seinen Füßen". In den drei Jahrzehnten, aus denen diese Texte stammen, habe sich Nadas immer in den "Zwischenreichen" der Genres und gedanklichen Universen aufgehalten, an den "Berührungspunkten zwischen dem Detail und dem großen Zusammenhang, und von dort aus das Leben und die Systeme in den Blick genommen - Momentaufnahmen des großen Ganzen im Kleinen. Und wenn man seine Sätze aus ihrem Zusammenhang herauslöst, dann beginnen sie, schreibt Henneberg, "zu funkeln und zu oszillieren". Kleine, aber auch kluge und formvollendete Prosa.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2004

Dem Rezensenten Nico Bleutge ist der ungarische Autor Péter Nádas eine genaue Betrachtung wert - dementsprechend differenziert fällt sein Urteil über Nádas' jüngste Veröffentlichung, eine Sammlung kurzer, über einen langen Zeitraum hinweg verfasster Texte. Man darf sich seiner Meinung nach nicht davon irritieren lassen, dass die Texte "unscheinbar" wirken. Des Autoren Stärke liegt nach Bleutge in der differenzierten Beobachtung. "Er hält sein Vergrößerungsglas über elementare Lebenserscheinungen und beobachtet, wie sie sich im Gefüge eines Charakters übereinander schichten". Nádas' großes Sub-Thema seien die aus dem Gefüge geratene Ideale der französischen Revolution - sowohl in der Zeit des Kommunismus, als die Freiheit nichts galt als auch in der post-kommunistischen Zeit, in der nur die Freiheit etwas gilt: "In einer nicht unklugen Mischung aus kleinen Analysen und genau geschnittenen Bildern macht Nádas die Mangelerscheinungen und Verwerfungen sichtbar". Dementsprechend moralisch ist sein Ansatz. Doch das genau ist der Punkt, den der Rezensent manchmal als störend empfindet: "Erwägungen über die Menschheitsgeschichte, moralisierende Einschübe... rauben ihm mitunter die Überzeugungskraft". Am stärksten ist der Autor nach Bleutges Meinung, wenn er sich den Details der menschlichen Existenz widmet und "schimmernde Bilder" schafft.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.09.2004

Der ungarische Schriftsteller Peter Nadas schreibt gegen "europäische Mentalitätsmuster" an, stellt Helmut Böttiger fest, präziser müsste man wohl sagen: gegen westeuropäische Mentalitäten, zu deren unangenehmen Eigenschaften der bekennende Mitteleuropäer Nadas Schnelligkeit, Verdrängung, einen falschen Zeitbegriff zählt, der die Ordnung der Dinge übersieht. Nadas arbeitet in seinen kleinen Prosastücken nahezu fotografisch, erklärt Böttiger, was zur Folge habe, dass bei näherem Hinschauen die Details immer größer und das Ganze eher verschwommen wirken würde. Das Anschauungsmaterial liefere die Natur, das Nadas dem Selbstfindungsprozess der jungen osteuropäischen Demokratien entgegensetze. Er ist dabei auf manch interessantes Detail gestoßen, bekundet Böttiger: der Osten wirke archaischer, da die Individualisierung nie so recht stattgefunden habe, während der Westen sie gerade hinter sich lasse, ist eine seiner Entdeckungen. Immer wieder verschränkt Nadas Geschichte und Gegenwart von Ost- und Westeuropa, in abrupt wechselnden Tonlagen, so Böttiger, die lyrische Notate neben surreale oder Traumpassagen und abstrakte Gedankengänge stellten. "Die Depression zulassen" lautet für Böttiger das Nadas'sche Motto - das ist klar eine Herausforderung europäischer Mentalitäten.
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