Peter Kurzeck

Ein Kirschkern im März

Roman
Cover: Ein Kirschkern im März
Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main - Basel 2004
ISBN 9783878779353
Gebunden, 283 Seiten, 19,00 EUR

Klappentext

Nach "Übers Eis" und "Als Gast" der dritte Band von Kurzecks großer autobiografisch-poetischer Chronik des Jahres 1984.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.10.2004

Nico Bleutge beschreibt den Zauber von Peter Kurzecks Prosa, als wären darin seine eigenen Erinnerungen beschrieben, und vielleicht geht es einem so beim Lesen - man möchte es jedenfalls sofort ausprobieren. Der Erzähler, so Bleutge, erklärt sich sein Leben, wie es gerade passiert, die Bilder werden Worte, und die Worte füllen sein Manuskript und die Tage. Der Blick geht auf die unscheinbaren Dinge, oder auf das kaum Wahrnehmbare, auf die "Flüsterstimmen und die Töne der Erinnerung" - und er erfasst Welten. Der Erzähler bindet sie in Sprache; "all die Augenblicke und Beobachtungen versucht er solange festzuhalten, bis er Leben und Literatur fast zur Deckung gebracht hat". Fast - und in dieser nie ganz zu schließenden Lücke wohnt, so Bleutge, die Melancholie dieser Prosa. Frankfurt im März 1984, der Erzähler lässt die Wahrnehmungen durch die Sprache gleiten, an seiner Hand die fünfjährige Tochter, der die "einfühlsamsten Sätze des Autors gelten". Peter Kurzecks Bücher, so der Rezensent, sind und bleiben "Findlinge der Literatur".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.08.2004

"Kurzecks Bücher polarisieren", schreibt Beate Tröger, lässt aber keinen Zweifel daran, dass sie selber zu den Anhängern des "detaillierten Assoziationsreichtum und der rhythmischen Sprache" gehört und sich nicht an "der Handlungsarmut und den repetitiven Elementen". Ganz im Gegenteil: Die Rezensentin hat sich vom dritten Teil des autobiografischen Romanprojekts ebenso hinreißen lassen wie von den Vorgängern; auch dieses Mal, schreibt sie, flaniert der Erzähler durch das Frankfurt der Achtziger und flicht aus dem Augenblick die Ewigkeit - und aus dem Kirschkern zur falschen Jahreszeit die ganze Welt. Das Zauberwort heißt Versenkung. "Das Flanieren und Beobachten", schreibt Tröger, "beschwört sich überlagernde, wortreich ausgemalte Bilder, die den Schmerz der Trennung, die Trauer über das Gewesene so spürbar machen wie die Träume, in denen der Erzähler in die Vergangenheit eintaucht und die er sich ebenso wie das Zukünftige als ein glückverheißendes, noch nicht betretenes Land ausmalt". Doch immer wieder, fährt sie fort, wird die Idylle der unbestimmten Erinnerungen von der harten Realität in Form der Geldsorgen des ums Überleben ringenden Schriftstellers, die dafür sorgen, dass der Roman nicht in belangloser Naivität strandet.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.05.2004

Peter Kurzeck schreibt an seinem Leben, und er "schreibt um sein Leben", so sieht es jedenfalls Rezensent Michael Buselmeier. "Ein Kirschkern im März" ist der dritte Band eines auf insgesamt sieben Bände angelegten autobiografischen Romanzyklus', der unmittelbar an die vorgehenden Bände anschließt und dieselben Personen und dieselben Schauplätze verhandelt, wie Buselmeier verrät. Ja, sogar die Motive und Bilder ähnelten sich, so dass vieles austauschbar erscheine. Die Trennung von seiner Frau erweist sich für Kurzeck als nie versiegender Schmerz, so Buselmeier, zugleich aber auch als Quell der Produktivität; die Handlung sei wie bei den Vorgänger-Romanen auf ein Minimum reduziert, auch die Politik (das Buch spielt zur Zeit der Frankfurter Sponti-Szene der 80er Jahre) oder das Weltgeschehen finden kaum Widerhall, bekundet Buselmeier. Umso mitreißender erweist sich für den Rezensenten die Sprache - "kühn in Bewegung", schreibt er -, die Wahrnehmungen und Erinnerungen auffrischt und vermengt. Buselmeier kann und will diesem - zugegeben - monomanischen Autor die Achtung nicht versagen, der in einem dichten assoziativen Stil schreibt und den Rezensenten in einen regelrechten Sog gezogen hat. Kurzeck ist kein Arno Schmidt, kein Thomas Bernhard, sondern eine ganz eigenständige literarische Person, schwärmt Buselmeier.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.04.2004

Ulrich Rüdenauer ist spürbar fasziniert und bringt Peter Kurzecks autobiografische Prosa auf immer neue Begriffe; er spricht von "Assoziationsketten", von "ungeheurer Verdichtung", von Direktheit und Stilisierung, von "Gleichklang und Repetition" als kompositorischem Prinzip und von der "Rekonstruktion" verfliegender Wirklichkeit, in die sich der Erzähler versenke, um sie festzuhalten. Mit einem Wort: Peter Kurzecks Ton ist "unverkennbar" - in mittlerweile sieben Romanen habe er ihn herausgearbeitet, um seine "Angst vor Vergänglichkeit" in Worte zu kleiden. Auf die Handlung - ein Frankfurter Schriftsteller mit kleiner Tochter am existenziellen Nullpunkt, wie schon in den beiden letzten Romanen - komme es nicht so sehr an, sondern darauf, wie der Erzähler Selbstvergewisserung in der Sprache sucht, wie er die nichtigste Alltagsbegebenheit, die kleinste Beobachtung zum Anlass nimmt, die "ewige Spirale der Erinnerung" in Gang zu setzen, wie er so zu sich selbst Findet, schreibt Rüdenauer.
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