Mit CD-ROM. Aus der Sammlung der Oxforder Bodleian Library legt die historisch-kritische Franz Kafka-Ausgabe im Frühjahr 2008 die Edition von zwei Oktavheften vor, die Kafka im März und Anfang April 1917 geführt hat. Die Hefte sind, wie die als Oxforder Oktavhefte 1&2 bereits edierten, durchgängig mit Bleistift beschrieben. Neben verworfenen Erzählansätzen, weiteren Stücken zum "Jäger Gracchus" und erst postum veröffentlichten Texten wie "Der Quälgeist" und "Eine Kreuzung" enthalten sie "Ein Bericht für eine Akademie" sowie "Beim Bau der chinesischen Mauer", woraus Kafka "Ein altes Blatt" und "Eine kaiserliche Botschaft" zum Druck gegeben hat.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2008
Wer noch einen Beweis für die Berechtigung philologischer Skepsis gegenüber allzu gutgläubigem Textvertrauen braucht, dem möchte Alexander Kosenina gerne die originalgetreue Faksimile-Edition von Kafkas "Oxforder Oktavheften 3 & 4" nebst Max Brods Ausgabe von "Der Prozess", herausgegeben von Roland Reuß und Peter Staengle ans Herz legen. Außer einem bibliophilen Schatz hält der Rezensent eine "Begründung für moderne Ausgaben" in Händen. Die Radikalität, mit der die Herausgeber Brods Ausgabe "zeilengenau" bei der Wurzel packen und Änderungen dokumentieren, dient Kosenina bloß als Hilfestellung, um immer wieder auf den Ursprungstext, die Handschrift verwiesen zu werden, die "zur Detailvergrößerung" auch auf DVD beigelegt ist. Was Kosenina auf diese Weise erfährt, lässt für ihn keinen Zweifel am Nutzen aller Pedanterie. Von Brod sowie von Malcolm Pasley in dessen Kritischer Ausgabe übersehene beziehungsweise eigenmächtig eingefügte Satz- und Skandierungszeichen, stellt der Rezensent fest, verändern mitunter "gänzlich den Sinn". So gut Kosenina das handwerklich puristische Vorgehen der Herausgeber in diesem Punkt gefällt, so verwundert zeigt er sich angesichts ihrer "ingeniös klüngelnden" Auslegungsversuche in den gleichfalls beigefügten Kafka-Heften. O je, denkt er, und greift lieber rasch wieder zu Kafkas Bleistiftkladden.
Mit viel Gewinn hat Rezensent Ulrich Greiner diese Edition der "überaus verdienstvollen" kritischen Kafka-Ausgabe zur Hand genommen, die ihm einen höchst intensiven Einblick in Kafkas Schreibpraxis, aber auch die Editionsarbeit seines Freundes und Nachlassverwalters Max Brod gegeben haben. Es handelt sich Greiner zufolge um ein faksimiliertes "schülerhaftes" Oktavheft aus dem Bestand der Bodleian Library in Oxford, in das Franz Kafka sowohl Prosa also auch Briefe und Tagebuchaufzeichnungen hineingeschrieben habe. Dieses zu studieren müsse für Fachleute ebenso, wie für Laien ein großer Gewinn sein, schreibt der Rezensent. Auch deshalb, weil das Manuskript mit editorischen Notizen von Max Brod versehen sei, sowie dessen nachträglich hinzugefügten Überschriften.
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