Peter Handke

Immer noch Sturm

Roman
Cover: Immer noch Sturm
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783518421314
Gebunden, 165 Seiten, 15,90 EUR

Klappentext

Das Jaunfeld, im Süden Österreichs, in Kärnten: Dort versammeln sich um ein "Ich" (oder steht es eher am Rande?) dessen Vorfahren: die Großeltern und deren Kinder, unter ihnen die eigene Mutter. Sie erscheinen ihm, da sie ihn bis in die Träume begleiten, in einer Vielzahl von Szenenfolgen, in denen sich die unterschiedlichsten Spiel- und Redeformen abwechseln - ein Panorama, das weit über alle literarischen Genres hinausreicht und sie sich zugleich anverwandelt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.11.2010

Mit diesem jüngsten Roman geht Peter Handke zurück in die Vergangenheit und trifft da Mitglieder seiner eigenen Familie wieder. Zunächst tritt er, so der Rezensent Otto A. Böhmer, dabei als "Spielleiter" auf, jedoch übernehmen nach und nach die Verwandten die Regie über das Geschehen. Traumartig ist das, stellt der Rezensent fest, dennoch geht es immer wieder durchaus lebensweltlich handfest zu. Am erstaunlichsten findet Böhmer fast die "Heiterkeit", die die Atmosphäre des Buches beherrscht. Der Rezensent zitiert viel, äußert kein ganz ausdrückliches Werturteil, lässt aber keinen Zweifel daran, dass er mit Vergnügen las, was Handke geschrieben.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.11.2010

Ein Erinnerungsbuch, das sich dem "Diktat der Geschichte" widersetzt, hat Thomas Steinfeld mit Peter Handkes jüngstem Buch aufgeschlagen, und er hat sich, wie deutlich wird, gern auf dessen  Poesie eingelassen. Unterlegt sind die Erinnerungen an Handkes Kindheit und Jugend im südlichen Kärnten inmitten seiner deutsch-slowenischen Verwandtschaft mit vielen Fragezeichen, die weniger auf das Fiktive des Erzählten hinweisen sollen, als dass sie zum Zeichen "dauernder Selbstprüfung" werden, wie der Rezensent glaubt. Für ihn präsentiert sich der Autor hier als "Meister" der Erinnerung, der der Vergangenheit keine Chronologie aufzwingt und vorführt, dass Erinnerungen eben mehr aus "Stimmungen" als aus "greifbaren Bildern" besteht. Als bestimmende Figur dieses Textes erkennt der Rezensent den "Partisan", den Handke nicht nur unter seinen Verwandten findet, sondern den er als "universalen Partisan" zum Erzähler macht, nicht allein im "poetischen und politischen, sondern auch im weltanschaulichen Sinne". (Bleibt nur zu hoffen, dass er ihn vom Tschetnik zu unterscheiden weiß.)
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.11.2010

Als ein Buch der Schwebe bezeichnet Ulrich Rüdenauer den neuen Text von Peter Handke, der märchenhaft szenisch und doch auch Prosa sei, wie er schreibt. Obgleich Rüdenauer für den Text die Zeit des Vorkriegs und des Kriegs veranschlagt, schon weil Mutter, Großeltern und Geschwister des Autors auftreten, bleibt ein Rest Unbestimmtheit: Als sei alles Täuschung und als seien die Gestalten, die alle "durcheinanderreden", auferstanden von den Toten. Für Rüdenauer setzt Handke ihnen aus dem Gedächtnis ein poetisches Denkmal, aber kein statisches. Der Rhythmus sei eher der einer Polka, freut sich Rüdenauer.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2010

Ein sehr eigenartiger Text zwischen allen Genres und Eindeutigen ist das, stellt ein sichtlich nicht unbeeindruckter Hubert Spiegel fest. Prosa in Dialogen oder ein Stück in Erzählprosa, schwer sei das zu sagen. Und eine eigentümliche Verkehrung in der Gesamtkonstruktion. Handke, der als Ich-Erzähler agiert, tritt auf als ein Lear, der sich als alt gewordener Sohn seiner jung gebliebenen Vorfahren imaginiert. Mit der viel jüngeren Mutter etwa gerät er so ins Gespräch, übers Sohnsein. Mal pathetisch sei das alles, so Spiegel, mal habe es einen Hang zum Sakralen, dann aber komme es auch zu innerfamiliär-vertrauter Frotzelei. Nichts Gutes schwant dem Rezensenten bei der allzu auf die eigene Scholle bauenden Heimatverbundenheit, nicht zuletzt in der Sprache, die aus dem Text manchmal spricht. Sehr viel besser gefällt ihm, wie zuletzt dem alten Handke-Ich ein junges Handke-Ich im Nahkampf begegnet, frei nach Nestroy, befindet Spiegel: "ich oder ich?.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.09.2010

Als "großes Alterswerk im besten Sinne" hat dieses neue Drama Malte Herwig beeindruckt, dessen Handke-Biografie demnächst bei dva erscheint. So ist Herweg auch berufener Erklärer der familiären Hintergründe des Textes, den er als "zwischen Lyrik und Epos traumwandelnd" beschreibt, und als historisches Traumspiel über den Kärntner Widerstand und die Geschichte von Peter Handkes Familie. Protagonist dieses "Traumstücks" sei Handkes Onkel und Taufpate Gregor Siutz, der an seinem 30. Geburtstag 1943 im Zweiten Weltkrieg gefallen sei, und dessen Vorname bereits in früheren Handke-Texten auftauchte. Als Personal treten Herwig zufolge die Großeltern Handkes, die Mutter, ihre Brüder und eine Schwester auf, und sprechen auch mit dem "Ich", das die Szene am Rande beobachte: "Was willst Du von uns? Nachfahr? Wir haben doch verloren."