Klappentext

Aus dem Französischen von Heinz-Dieter Gondeck, Heinz Jatho und Markus Sedlaczek. Paul Ricoeurs Studie ist nicht nur ein zentraler Beitrag zu den in den letzten Jahren immer bedeutender gewordenen Diskussionen um Gedächtniskultur, Erinnerung und Vergessen, sondern zugleich deren philosophische Durchdringung. Ricoeur geht dabei über die eher soziologischen Untersuchungen der memorativen Praktiken des 20. Jahrhunderts weit hinaus und entwirft eine systematische Geschichte und Theorie des Gedächtnisses. In drei großen Komplexen nähert er sich dem Erinnern: in phänomenologischer und historischer Perspektive (vom griechischen Erbe ausgehend über Augustinus bis zu Husserl und zum kollektiven Gedächtnis bei Maurice Halbwachs), in erkenntnistheoretischer Hinsicht (die Geschichtswissenschaft als Gedächtnisautorität, die gleichwohl mit dem lebendigen Gedächtnis in Widerstreit geraten kann) und in hermeneutischer Absicht (eine Reflexion über die geschichtliche Bedingtheit des Erinnerns und dessen geheime Beziehung zum Vergessen).

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 31.05.2005

Es mag daran gelegen haben, dass Paul Ricoeur ein so "behutsamer Denker" war, übelegt Thopmas Meyer laut, dass dieser "letzte lebende bedeutende" französische Philosoph bei uns nicht die Beachtung gefunden, die er verdient hat. Jetzt lebt er nicht mehr, und da sei es ein Glück, tröstet Meyer, dass Riceours eigene Einführung in sein Denken gerade in einer guten deutschen Übersetzung herausgekommen sei. Eine gelungene Fortführung der Studien von Bernard Waldenfels, Burkhard Liepsch und Stefan Ohrt, meint der Kenner. Ricoeurs Einführung sei ein voluminöses Werk, unterteilt in drei Teile, verrät Meyer, dessen erster Teil sich mit den Eigenschaften des Gedächtnisses befasse. Ricoeur komme schon hier zu erstaunlichen Ergebnissen, äußert der Rezensent fasziniert, da er Gedächtnis nicht gegen Geschichte setze, wie es ansonsten nach dem cultural turn zur akademischen Gepflogenheit geworden wäre. Ricoeur behaupte eine Autonomie der beiden Bereiche, um dann im zweiten Teil des Buches, dem Hauptteil, drei Ebenen von Geschichte zu unterschieden: eine dokumentarische, eine hermeneutische und eine literarische. Spätestens hier hole Ricoeur zu einer weiten Reflexion aus, für die er sein Material mit "traumwandlerischer Sicherheit" ordne, bescheinigt Meyer dem Philosophen. Da gebe es keine Floskel zu viel.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.12.2004

Paul Riceur, das weiß der philosophisch Interessierte, ist ein sehr schwieriger Autor - muss sich deshalb eine Rezension hermetisch der Zugänglichkeit verschließen? Das Problem ist nicht die Komplexität der Gedanken, auch nicht ihre abstrakte Erscheinung. Das Problem ist, dass die Besprechung von Matthias Kross sich liest, als hätte er seine Lektürenotizen - Gedanken, Verweise, Ideen, Fragen, die für ihn selber bestimmt waren - weitgehend unbearbeitet aneinandergereiht. Ein Brainstorming, dem man entnimmt, dass Riceur eine Phänomenologie des historischen Denkens herausschält und damit zugleich den Widerspruch konfrontiert, der in diesem Versuch steckt. Denn kann man mit den Mitteln der Phänomenologie im Sinne Husserls, also der Betrachtung des Wesens der Sache selbst, überhaupt ermitteln, "warum etwas Vergangenes in einer spezifischen Gestalt vergegenwärtigt wird"? Braucht es dazu nicht eine "übergreifende Betrachtungsperspektive"? Die Paradoxe liefern den Schub für die Bewegung der Gedanken, so dass Riceur am Ende über die Absage an moralische Ableitungen - "der Historiker dürfe nicht sich nicht zum Richter aufschwingen wollen" - doch noch zu einer "Theorie der existenziellen Zurechenbarkeit" gelangt, wie sich der Rezension entnehmen lässt, "aus der sowohl Schuldfähigkeit wie die Vergebung für historisches Handeln soll abgeleitet werden können".
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