Der Mangel erzählt vom Aufwachsen und Großwerden einer Gruppe von Kindern in den Sechzigern, von den Anstrengungen der Väter, Wohlstand, zumindest die Illusion davon, auch für ihre Familien zu schaffen. Von den Rückschlägen, die sie erleiden. Von den Sorgen und Existenzängsten der Mütter, die sie vor ihrer Zeit altern lassen. Vor allem aber er erzählt er in Anlehnung an die Kindheit des Autors von dem fundamentalen Wandel der bundesrepublikanischen Gesellschaft in der Wirtschaftswunderzeit. Vom Übergang einer Mangelgesellschaft, in der es von allem zu wenig gab, in eine Konsumgesellschaft, die den Menschen ihre Würde raubt. Und er entwirft zugleich ein Gegenbild dazu, einen Ausweg sowohl aus dem Mangel wie aus dem Überfluss: die Kunst. So ist "Der Mangel" auch der persönliche Bildungsroman Roehlers, in dessen Zentrum seine Erfahrung mit der Kunst steht, deren Entdeckung in jungen Jahren sein Rettungsanker für das Überleben geworden ist.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.08.2020
Marie Schmidt liest zwei Familienromane, die ihr zeigen, wie wenig selbst die Nachkriegszeit vergehen will. Bei Oskar Roehler trifft sie das Unverarbeitete mit voller Wucht. Roehler schreibt ein weiteres Mal an seiner Familiengeschichte, mit der Mutter Gisela Elsner und dem Vater Klaus Roehler. Der Schock der Herkunft sei hier noch voll und ganz spürbar, meint Schmidt. Was sie allerdings enorm irritiert ist das chorische Wir, zu dem Roehler immer wieder anhebt: Meint er damit seine Kinderbande, die fränkische Provinz, die junge Bundesrepublik? Wer sind die Väter? Noch seltsamer, geradezu "ekelerregend" nennt Schmidt eine "Vermischung der Semantiken", wenn Roehler die Opferhaltung der Deutschen nachahmt und sich dabei die Sprache von Holocaust-Überlebenden aneignet. Dann schreibe er von Kindern, die am ersten Schultag auf dem Appellplatz antreten müssen und anschließend in der Diktion von Paul Celans Todesfuge im Schlamm buddeln: "Wir schaufeltenn und schaufelten."
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.06.2020
Rezensent Oliver Jungen hat großen Respekt vor Oskar Roehlers "Selbstelevationsprosa". Dem Autor gelingt mit seiner "Ersatzautobiografie" laut Rezensent nicht weniger als die Befreiung aus den Fesseln einer katastrophischen Kindheit mit egomanischen Künstlereltern in einer Kommune. Wie Roehler hier seine Wut in "große Literatur" ummünzt, in einen "scharfsichtigen" Bildungsroman ganz ohne Nostalgie, scheint Jungen bemerkenswert.
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