Olga Tokarczuk

Unrast

Cover: Unrast
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2009
ISBN 9783895614651
Gebunden, 464 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Eine Frau und ihr kleiner Sohn verschwinden auf mysteriöse Weise während des Urlaubs; eine orthodoxe Sekte will durch ständige Bewegung dem Teufel entkommen; die Ich-Erzählerin ist auf permanenter Wanderschaft: In ihrem neuen Buch "Unrast" beschäftigt sich die polnische Autorin Olga Tokarczuk mit der Reiselust und dem Nomadentum des modernen Menschen. In einer Vielfalt von Texten, von der Reiseerzählung über mythologische Geschichten bis zur pointierten philosophischen Betrachtung, bannt sie die Hektik des modernen Lebens in einen feinverwobenen erzählerischen Kosmos.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.06.2009

Wovon Olga Tokarczuks "Unrast" handelt, erfährt der Leser von Iris Radischs Rezension nicht recht. Wie "Unrast" geschrieben ist und was das Buch vermittelt, dagegen sehr wohl: Von einer Reisephilosophie jenseits hippiehafter Selbsterfahrungsromantik weiß die Rezensentin zu berichten. Wenn Tokarczuk in ihrem Erzählen die souveräne Zentralperspektive aufgibt und auf Dezentrierung und Fragmentierung setzt, verdankt sich das nicht den Philosophien Derridas oder Deleuze/ Guattaris, sondern, wie sich die Rezensentin von der Autorin versichern lässt, dem Leben selbst. Ein "glänzender literarischer Kommentar" zur Entwurzelung in der spätkapitalistisch-globalisierten Welt ist Tokarczuk nach Radischs Überzeugung gelungen. Dass der "nomadisierende Roman" dabei durchaus auf Emphase setzt und seine Figuren predigen lasse, wenn sie über die Segnungen der Rastlosigkeit sprechen, vermerkt die Rezensentin. Gestört hat es sie anscheinend nicht. Im Gegenteil zeigt sie sich von der Unrast des Romans eher selbst angesteckt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.05.2009

Rezensent Hans-Peter Kunisch ist von der wunderbaren "Leichtigkeit" des jüngsten Buches der polnischen Autorin Olga Tokarczuk hingerissen und findet das umso überraschender, als die autobiografisch getönte Lebenserzählung, die immer wieder von Porträts und Geschichten anderer Protagonisten unterbrochen wird, keineswegs von besonderer Heiterkeit geprägt ist. Die Ich-Erzählerin beschreibt sich zugleich als von starren Grenzen umgebenes Kind als auch als ungebundene Wanderin, die gleich ihrer Schöpferin nach Stationen unter anderem als Zimmermädchen erst Psychologie studiert, dann als Pädagogin mit Drogenabhängigen arbeitet und schließlich Schriftstellerin wird, teilt der Rezensent mit. Diese Ich-Erzählerin weist einen starken Hang zu beschädigten Figuren und krankhaften Abweichungen auf, deren düstere und traurige Geschichten sie auf ihrer Lebensreise sammelt und festhält, lässt Kunisch wissen. Tokarczuk findet aber immer wieder zum leichtfüßigen Ton zurück, stellt der Rezensent eingenommen fest, dem auch die Übersetzung von Esther Kinsky sehr gelungen scheint.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.04.2009

Als Irrfahrt erscheint dem Rezensenten die "Pilgerreise" der Ich-Erzählerin in Olga Tokarczuks neuem Buch. Jörg Plaths Orientierungslosigkeit bei der Lektüre hat allerdings weniger mit dem unwiderstehlichen Gesang der Sirenen zu tun als mit der Unfähigkeit der Autorin, ihren Zettelkasten zu ordnen und die "nachlässig hingeworfenen" Notizen, Reflexionen und Erzählungen über die das Rezensentenhaar aufstellende "bodenlose" Naivität hinauszuexpedieren. Dabei leuchtet hier und da Tokarczuks "beachtliches" erzählerisches Talent auf, böte das "ausgeprägte" metaphysische Interesse der Autorin allerhand Potential für eine spannende Collage. Allein der einzige, dem Rezensenten auffallende Zusammenhang der Texte ist ein "plakativer": Jede Pilgerreise, raunt die Autorin uns zu, ist auch eine Lebensreise.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.2009

Überaus angetan zeigt sich Rezensentin Maria Frise von Olga Tokarczuks Band "Unrast", der Erzählungen, Glossen, Tagebuchaufzeichnungen und Reisenotizen versammelt. Neben mythologischen und historischen findet sie darin zeitgenössische Themen wie Entfremdung in Beziehungen behandelt. Dabei hebt Frise die Faszination der polnischen Schriftstellerin für das "Doppelbödige, Abseitige, manchmal auch Unheimliche" hervor und schätzt ihre präzisen, überraschenden Beobachtungen sowie ihre "stilistische und artifizielle Vielfalt". Mit Lob bedenkt sie auch die Arbeit von Esther Kinskys, die sie als "feinfühlige Übersetzerin" würdigt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.03.2009

Ina Hartwig ist voll des Lobes für Olga Tokarczuks Buch, das sie zugleich "originell und kühn und sehr poetisch" findet. "Unrast" sei eigentlich kein Roman im gewöhnlichen Sinne, sondern eine Zusammensetzung verschiedener Textlängen und Textsorten (und "glänzend" übersetzt von Esther Kinsky). Mit einem melancholischen, nie nostalgischen Ton schaffe es die Autorin, die "Unrast" zu fassen. Die Unrast ist häufig Ausdruck einer Suche, hat die Rezensentin verstanden, die Suche auf Reisen, die Suche nach dem Gestern (so zum Beispiel bei Geheimnissen unter Liebenden) oder gar die Suche nach Gott, wie bei dem Holländer Verheyen, der im 17. Jahrhundert sein amputiertes Bein zerpflückte, sich fragend, "warum es, obwohl doch von ihm getrennt und also tot, weiterhin Schmerzen verursache. 'Kann es sein, dass dieser Schmerz Gott ist?'" Ein Roman wie dieser könnte niemals den Deutschen Buchpreis gewinnen, so Hartwig wehmütig: "Glückliches Polen, wo Bücher wie dieses mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes ausgezeichnet werden!"
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