Norbert Niemann

Schule der Gewalt

Roman
Cover: Schule der Gewalt
Carl Hanser Verlag, München 2001
ISBN 9783446200562
Gebunden, 320 Seiten, 20,35 EUR

Klappentext

Frank Beck, 38, ist unsicher, unzufrieden und völlig ausgebrannt. Als Lehrer fühlt er sich zu Nadja, einer klugen, unerreichbaren und selbstsicheren Schülerin, hingezogen. Sofort geht das Gerücht einer Affäre um, erste Drohungen und gewalttätige Ausbrüche folgen. Norbert Niemann erzählt in seinem zweiten Roman erneut aus dem wirklichen Leben - von einer Liebe, die vielleicht gar keine ist, und von Gewalt, die niemand begreifen kann...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2001

Heribert Kuhn weist darauf hin, dass sich Norbert Niemann in der Zwischenzeit auch als Medientheoretiker hervorgetan hat. Mit dem Ergebnis, meint der Kritiker, dass der Autor den "theoretischen Überschuss" in seinem zweiten Roman abgebaut hat. Kuhn lässt offen, inwiefern er das gut oder schlecht findet. In jedem Fall scheint es ihm auf Kosten der "sinnlichen Nuancen von Wahrnehmungsvorgängen" zu gehen, stattdessen sei jedoch die Handlung dynamischer gestaltet. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Lehrer, stehen seine Schüler, ihr gegenseitiges Unverständnis, und es geht bei der Geschichte auch um Gewalt, fügt Kuhn hinzu, aber nicht im landläufigen Sinne. Gewalt sei vielmehr ein "alles durchdringendes Fluidum" so wie das Fernsehen ein alles durchdringendes Medium ist, dem jener Lehrer auf die Spur zu kommen versucht. Am Ende treibe die durchaus spannende Geschichte auf einen Gewaltakt zu, so Kuhn, der nur vermeintlich den Einbruch oder Durchbruch der Wirklichkeit in die Welt der Vorstellung darstellt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.10.2001

Gleich drei neue deutsche Gesellschafts- und Gegenwartsromane bespricht Dirk Knipphals im Aufmacher der taz-Literaturbeilage vom Herbst 2001: Thomas Hettches "Der Fall Arbogast", Rainer Merkels "Das Jahr der Wunder" und Norbert Niemanns "Schule der Gewalt". Und die Rede "der vorletzten Literaturdebatte" vom Aussterben der Erzähler sieht er mit diesen Büchern widerlegt. Die Herangehensweise dieser realitätsinteressierten Erzähler ist seiner Meinung nach keineswegs eine naive - vielmehr sind sie mit allen theoretischen Wassern gewaschen und bewegen sich auf "einem verdammt hohen selbstreflexiven Niveau". An Norbert Niemanns Roman "Schule der Gewalt" hat der Rezensent Dirk Knipphals allerdings einiges zu kritisieren. Er findet den Roman zu "eng gefasst" und deutlich "überkonstruiert" in seinen Bemühungen, "Authentizität zu inszenieren". Hinter all dem steckt seiner Meinung nach ein "allzu didaktisches Konzept". Niemann erzähle die Geschichte eines Lehrers, der eine platonische Affäre mit einer Schülerin hat und sich langsam in eine paranoide Weltsicht hineinsteigert. Trotz einiger Vorbehalte findet Knipphals dieses Buch aber interessant und attestiert ihm "etwas Furioses".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2001

Ein großes Erzähltalent bescheinigt Beatrix Langner dem Autor. Diesem seinem Talent sei es geschuldet, behauptet sie, dass der Roman über einen an seiner Tochter und seinen Schülern irre werdenden Lehrer nicht "zur deutschesten Deutschlehrersatire" verkommen ist. Denn die Hauptfigur, Lehrer Beck, versteht die Welt nicht mehr, die neuerdings per Fernsehen in die Köpfe der Menschen gelangt. Ein gewaltiger theoretischer Überbau, meint Langner, ein bisschen wacklig, meint sie auch - dennoch gelingt es der Kritikerin nicht richtig, dem Leser diese Konstruktion des Romans plausibel zu machen. In jedem Fall bedarf es ihrer Meinung nach einer neuen Literatur, einer neuen ästhetischen Form, der es gelingt, die "Fiktion der medialen Subjektivität" zu durchbrechen. Dieser Autor ist für Langner auf dem Weg dorthin, obwohl sein Buch im Internet mit Sprüchen gegen "die alten Säcke im Feuilleton" aggressiv beworben wurde.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.09.2001

Der hocheigenwillige Erzählfuror des ersten Romans von Norbert Niemann "Wie man's nimmt" hat hohe Erwartungen in Reinhard Baumgart geweckt. Mit diesen hat er nun das neue Buch des Autors in die Hand genommen und stellt fest: "ein schwieriger Fall". In einer Professor-Unrat-Geschichte - mittelalter, desillusionierter Studienrat in ziemlicher Vereinsamung erhofft Erlösung durch rotziges Girlie - sei der Leser gefangen, aber "leider nicht immer gefesselt". Der Autor hätte seinem Ich-Erzähler "allzu bedenkenlos" das Terrain überlasen, so dass die Grenzen zwischen beiden "zu fahrlässig" verwischt seien. Viele Sprachschlampereien und auch die oft überstürzte Metaphorik lassen laut Rezensent kein Tempo aufkommen, seien eher "stotternde Fehlzündungen" und verwischten das Profil des Erzählers wie die Position des Autors. Mit der Gefahr unkritischer Distanz zum auch Schwülstigen der Liebesgeschichte sieht Baumgart den Roman in ein diffuses Ende treiben. Das "Weltbild" des Autors sei durch solches Erzählen nicht mehr aufgefangen. Wohl auf den Spuren von Camus gerate das Buch "schlingernd in die Nähe Simmelscher Weltanklageorgien", allerdings ohne dessen unbefangene Vitalität. Eine fliegende Lektüre könne aber "überraschend mehr geballte Welterfahrung entdecken als in manchen bravourösen neueren Sprachkunststücken."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.08.2001

Verena Auffermann preist diesen Roman nicht nur als "gelungenes Charakterbild" eines Lehrers, der sich in seine 17jährige Schülerin verliebt und schließlich Opfer eines Schüleranschlags wird. Sie rühmt das Buch auch für seine präzise Darstellung der Entstehung von Gewalt. Die Rezensentin findet, dass die detaillierten Beschreibungen vom Anwachsen bis zur Eskalation der Gewalt zu den "Glanzstücken des Textes gehören und stellt anerkennend fest, dass sich damit der Autor hoch aktueller Themen angenommen hat, ohne sie durch "schöne Bilder abzufedern", wie es beispielsweise der Film "American Beauty" getan habe.
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