Nora Bossong

36,9 Grad

Roman
Cover: 36,9 Grad
Carl Hanser Verlag, München 2015
ISBN 9783446248984
Gebunden, 320 Seiten, 19,9 EUR

Klappentext

Anton Stövers Ehe ist zerbrochen, seine Affären sind vorbei, als Wissenschaftler ist er in der Sackgasse. Er will in Rom über Antonio Gramsci, die prägende Gestalt des italienischen Kommunismus, forschen. Dort begegnet er einer jungen Frau, in die er sich obsessiv verliebt. Währenddessen beschäftigt er sich weiter mit der Vergangenheit: Der gebrechliche, fieberkranke Gramsci erholt sich in einem sowjetischen Sanatorium. Er soll Italien vor der Machtübernahme durch Mussolini bewahren, doch stattdessen verliebt er sich in eine russische Genossin. Nora Bossong erzählt mit feinem Sinn für das Absurde vom Konflikt zwischen den großen Gefühlen für einen Menschen und dem Kampf für eine große Sache.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 12.01.2016

Bei Nora Bossong lernt Katrin Hillgruber den italienischen Politiker und Philosophen Antonio Gramsci nicht nur als Theoretiker, sondern auch als Liebenden kennen. Originell und berührend findet die Rezensentin, wie die Autorin sich der historischen Figur sinnlich und personal über Gramscis Gefängsnisbriefe annähert und doch keinen historischen Roman vorlegt, da sie eine in der Gegenwart spielende Parallelhandlung einzieht. So riskant das der Rezensentin erscheint, so charmant löst die Autorin die Aufgabe, von kleinen aufgesetzt wirkenden menschlich-allzumenschlichen Passagen einmal abgesehen, meint sie.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.01.2016

Am besten, meint Rainer Moritz, man überblättert großzügig die in der Gegenwart angesiedelte Handlungsebene um einen mediokren, unsympathischen Akademiker und konzentriert sich in Nora Bossongs Roman "36,9 Grad" ganz auf den historischen Teil um den italienischen Politiker und Philosophen Antonio Gramsci. Der "Widerstreit zwischen intellektueller und privater Ebene", zwischen politischem Schaffen, theoretischem Schreiben und privatem Leiden - vor allem an der Liebe - reicht für einen gelungenen Roman vollkommen aus, versichert der Rezensent und freut sich, wie anschaulich es der Autorin gelingt, die bewegte Zeit der Zwanziger- und Dreißigerjahre aufleben zu lassen, ohne dabei "in einen dozierenden Ton zu verfallen".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2015

Wenn eine Autorin wie Nora Bossong einen Roman über Antonio Gramsci, den Theoretiker der Hegemonie, schreibt, darf man getrost davon ausgehen, dass sie sich etwas dabei denkt, so Christoph Schröder. Der Zugang, den Bossong wählt, wirkt aufs erste sehr privat, erklärt der Rezensent, bis ins kleinste körperliche und psychische Detail nähert sich die Autorin. Gramsci erscheint als Gefangener: seines Körpers, seiner Familie, seiner Gefühle zu der jungen Julia Schucht, seiner Geschichte, und bekanntlich ganz wörtlich im Gefängnis. Die vielfache Gefangenschaft führt zu Ohnmachtsgefühlen, die sich Gramsci seiner politischen Überzeugungen wegen aber nicht zugestehen will, so Schröder. Die zusätzliche Ebene, die in der Gegenwart spielt und um den persönlich wie beruflich gescheiterten Akademiker Anton Stöver kreist, findet der Rezensent amüsant und zum Abbau von Pathos auch dringend notwendig, auch wenn ihm Stöver als Figur wenig originell vorkommt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.10.2015

Nora Bossongs Roman über den italienischen Kommunisten Antonio Gramsci erinnert den Rezensenten Hubert Winkels ans Genre der Märtyrerlegende. Die Autorin interessiere sich für den deformierten Körper und das politische Wirken des gebürtigen Sarden, schreibt der Kritiker, nicht aber für den Intellektuellen und Philosophen. Dabei sei dessen Lebensschicksal nicht allein mit der "überkonkreten Einfühlung" der Autorin und ihrem Faible für die physische Versehrtheit Gramscis zu begreifen, wie Winkels befindet. Den zweiten Strang des Buches, im Göttinger Uni-Milieu der Gegenwart angesiedelt, hält der Rezensent gar für unrettbar, auch wegen der Visionen des für Winkels nur vermeintlichen Gramsci-Wiedergängers Anton Stöver. Zwar sei Bossong klug und besitze eine "souveräne Beschreibungsgabe", doch sie scheitert in den Augen des Kritikers letztlich daran, nur "den kranken Körper und die großen Gefühle" zu wollen und den Verstand zu ignorieren.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2015

Rezensentin Nicole Henneberg hat Nora Bossongs viertem Roman "36,9°" entgegengefiebert. Zurecht, denn dieses Buch ist klug, gelehrt, tragikomisch, spannend und berührend, vermerkt die Kritikerin, die hier die Geschichte des marxistischen Philosophen und Chefideologen der Kommunistischen Partei Italiens, Antonio Gramsci liest. Henneberg spürt geradezu Bossongs Faszination für Gramsci, den die Autorin nach der Lektüre seiner Gefängnishefte, der qualvollen Briefe an seine depressive Ehefrau Julia in Moskau und der "theoretisch-leidenschaftlichen" Briefe an ihre Schwester Tatjana als bedeutenden, leuchtenden und zerrissenen Menschen wiederbelebt. Großartig auch, wie Bossong Gramscis Leben hier mit der Erzählung um ihren Romanhelden, den entsetzlich mittelmäßigen und selbstüberschätzenden Gramsci-Forscher Anton Stöver verwebt, findet die Kritikerin, die diese brillante Mischung aus Wirtschafts- und Politthriller, Liebesgeschichte und biografischem Porträt unbedingt empfehlen kann.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 26.09.2015

Als eine Soziologie der Liebe versteht Jan Küveler Nora Bossongs neuen Roman, in dem die Autorin das Leben Antonio Gramscis als Folie für die Geschichte eines seiner Nachfahren im Geiste nimmt, wie Küveler die Anlage des Textes erläutert. Dieser Nachfahre scheint Küveler ein Ritter von eher trauriger Gestalt zu sein, ein Kleingeist, von der Autorin vielleicht etwas zu grob und durchschaubar gefasst, so der Rezensent. Also schaut der Rezensent lieber auf die Sprache, anstatt auf die Psychologie. Aber auch hier entdeckt er hinter zunächst verwegen scheinenden Bildern immer wieder vor allem ehrgeizigen Unsinn.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.09.2015

In zwei dialektisch verwobenen "doppelhelixhaften Erzählsträngen" schildert Nora Bossong die Liebesbiografie des Marxisten Antonio Gramsci und eines Göttinger Gramsci-Forschers, berichtet Rezensentin Eva Behrendt: Im historischen tiefen (allerdings im Präsens erzählten) Raum stehe ein im Fall Gramscis "besonders zart" wirkendes, im Hier und Jetzt des Forschers allerdings inflationär gewordenes Liebesleben. Stilistisch ist das sehr feinfühlig erzählt, lobt die Kritikerin. Auch stehe die Autorin gut in Stoff und Motivik des Campus-Romans, mit dem sie souverän hantiert. Dennoch ist das Buch für Behrendts Geschmack zuweilen etwas zu didaktisch geraten.
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