Nicholson Baker

Eine Schachtel Streichhölzer

Roman
Cover: Eine Schachtel Streichhölzer
Rowohlt Verlag, Reinbek 2004
ISBN 9783498006273
Gebunden, 150 Seiten, 29,90 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. Zu Beginn jedes der dreiunddreißig kurzen Kapitel sagt der Ich-Erzähler uns höflich Guten Morgen und nennt die Uhrzeit, ehe er beschreibt, wie er den Tag beginnt, mit Kaffeekochen im Dunkeln, dem Streichholzanzünden vor dem Kamin und dem Biss in den Morgenapfel. Wenn er einen hat, sonst isst er eine Birne. Dann sitzt er vor dem Feuer und teilt uns mit, was ihm durch den Kopf geht. Z.B. dass gestern seine Socke ein Loch hatte und wie er Greta die Ente füttert und vor Winterkälte, den Füchsen und Kojoten schützt, denn im Haus kann sie wegen der grünen Kleckse nicht bleiben.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.06.2004

"Eine Schachtel Streichhözer" ist ein Roman, wie wir ihn von Nicholson Baker kennen, meint Rezensentin Stefana Sabin, ein Roman nämlich, in dem "die Minutiae des Alltags zum zentralen Moment seiner literarischen Welterschließung" werden. In jedem Kapitel, so Sabin, wiederholt sich das allmorgendliche Szenario eines "obsessiven Frühaufstehers": Aufstehen, den Kamin anzünden, einen Apfel essen und "tagträumen". Dabei sei nicht nur der Handlungsablauf Alltag, sondern auch das Material der Tagträume des Ich-Erzählers: banale Begebenheiten, deren Banalität durch die Aufmerksamkeit des Betrachters verblasst - "die kleinen Wunder von Alltag und Haushalt" eben. Die täglich angezündeten Streichhözer werden zum "assoziativen Faden", an dem sich die träumende Erzählung abspule. Leicht irritiert zeigt sich die Rezensentin nur von der Anzahl der Streichhölzer (33), denen je ein Kapitel entspricht, worin sie eine eindeutige, aber etwas "zu hoch gegriffene" Anspielung an Dante zu erkennen glaubt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 03.04.2004

Ganz offensichtlich hat Rezensent Jörg Magenau in diesem leisen Buch das Glück gefunden. Denn Nicholson Baker interessieren nicht die großen Paukenschläge; ihn faszinieren die "kleinen Dinge", die beobachtet werden wollen. So auch seine Hauptfigur und alter ego Emmett, der für einen Monat lang das Leben das Frühaufstehen "erprobt", in den Augen des Rezensenten jedoch vielmehr: "sich selbst". Denn Emmett gehe den Tag ganz behutsam an, im Dunkeln, in dem "Außenwelt und Innenwelt" sich "in seltener Übereinstimmung" berühren. Und wenn Emmett aufmerksam ein Bündel leere Briefumschläge betrachtet, und feststellt, "dass sie in der Mitte einen harten Klumpen bilden, so als wäre in den Umschlägen etwas drin", dann sieht der Rezensent darin eine Metapher für Bakers gesamtes Schreiben: "Aus jedem Nichts zaubert er etwas hervor." Diese Art der Aufmerksamkeit, die, "um die Dinge in ihrer Vielfalt zu erkennen", die Zeit dehnt, erscheint Magenau geradezu als "Lebenskunst". Was sich daraus ergebe, sei eine "Beschaulichkeit in Ewigkeit", die das "Bescheidene" endlich "vom Verdacht des Spießigen befreit". Innerhalb der Menschheit stelle Emmett, der "Held der Zufriedenheit", geradezu eine Ausnahme dar. In der Literatur jedoch kommt er, wie der Rezensent findet, fast einem Unikat gleich. "Gäbe es mehr davon", so sein Fazit, "und also mehr solche Bücher wie 'Eine Schachtel Streichhölzer', dann wäre die Welt besser."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.03.2004

Thomas E. Schmidt führt den amerikanischen Autor Nicholas Baker als "nervtötenden Detaillist" ein, der auch schon mal einen ganzen Roman über den "Gang zur Gargage" schreiben kann. Kaum einer bringt die "erzählte Zeit so virtuos ins Stocken" wie dieser Autor, meint der Rezensent, der das zwar sehr anstrengend findet, aber irgendwie auch bewunderungswürdig. Auch in dem vorliegenden Roman passiert nicht viel, und der Protagonist, der 44-jährige Familienvater Emmett, fällt Schmidt mit seinen alltäglichen Verrichtungen und Gedanken "ein bisschen auf die Nerven", wie er zugibt. In 33 Kapiteln macht Emmett jeden Morgen mit einem Streichholz den Kamin an und gibt sich seinen Überlegungen und Reflexionen hin, fasst der Rezensent die handlungsarme Geschichte zusammen. Dabei sei die Hauptfigur ein richtiges "Würstchen", ein Durchschnittsmensch, der es den Lesern nicht "leicht macht, sich mit ihm literarisch anzufreunden". Doch mitten in den dahinplätschernden "schon 1000 mal gedachten" Gedanken Emmetts, fallen plötzlich "ungeheure Sätze", die aufrütteln und Emmett in einem neuen Licht erscheinen lassen, bemerkt der Rezensent erstaunt. Jetzt entdeckt er in der Hauptfigur plötzlich einen "Schamanen, der das Feuer hütet", und der Roman wird ihm zum "Trostbuch", das "metaphysische Feuerkraft" entfaltet, die den Leser aus der "Gefühlsreserve lockt". Und somit ist Schmidt dann doch sehr froh, dass er das Buch nicht "zu früh aus der Hand" gelegt , sondern bis zum Schluss durchgehalten hat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.03.2004

Ein "Winterbuch" sagt Rezensentin Ina Hartwig von Nicholson Bakers Roman um den Frühst-Aufsteher Emmett, der Morgen für Morgen die vorläufige Einsamkeit im Familienhaus genießt und nutzt - in leisem Anklang an Valerys "Cahiers" - um zu schreiben. Und was dabei herauskommt, so die Rezensentin, ist "das Protokoll eines morgendlichen Zustands im Bann virtuoser Müdigkeit". Zuerst die Begrüßung, dann die Uhrzeit, dann der erste "Gedankensplitter": So beginnt laut Rezensentin jedes der 33 Kapitel. Und es müsse nicht mehr als ein Splitter sein, denn jeder Splitter werde unweigerlich bei Baker (und seinem alter ego Emmett) zur "Assoziations-Wundertüte". Gerade den Dingen wende Baker seine - gelegentlich ins "Surreale" umkippende - "Überaufmerksamkeit" zu, zum Beispiel im täglichen, "rituellen" Versuch, den Kaffee im Dunkeln zu kochen, tastend, forschend. "All das füllt bei Baker Seiten. Doch hat er nicht Recht?" Er schöpfe aus dem "Magma der alltäglichen Sinnenreize", während sich die Außenwelt regelrecht abschalte. Das macht ihn für die Rezensentin - trotz seiner "kammermusikalischen" und "ästhetisch gesehen, ziemlich europäischen" Prosa - zu einer "amerikanischen" Erscheinung. Denn Emmett "hat Zeit, seine Zeit", und gelangt nicht einmal in die Nähe der so europäischen "Entfremdung", schreibt die Rezensentin. Bakers Buch um den "denkbar durchschnittlichen", "freundlichen, zufriedenen" Familienvater Emmett ist "total harmlos", so die Rezensentin, und gerade "in seiner Harmlosigkeit sensationell".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.03.2004

Geradezu eine Fibel der besonnenen Heiterkeit ist der sechste Roman von Nicholson Baker, aus dem wir nicht nur erfahren, wie man frohgemut den Abwasch bewältigt und mit aller Gelassenheit altern kann, frohlockt Thomas Steinfeld. Der "heilige Franziskus des Hausrats", offenbare mit Leidenschaft für die Schönheit, großer Liebe zum Detail und gleichsam erleuchtetem Blick einen fast überirdischen Glanz in den Trivialitäten des Alltags. Auch u weitere Lobpreisungen ist unser Rezensent nicht verlegen: Als "die literarische Stimme einer alteuropäischen, aber durchaus auch amerikanischen Tugend" - damit meint Steinfeld die Gelassenheit - und als "Anwalt des Unscheinbaren" betreibe der belesene Autor in seiner "Hermeneutik des Mülls" eine Überwindung der Moderne mit ästhetischen Mitteln. In Bakers Sätzen, "die mit traumwandlerischer Sicherheit ein jedes Ding in einer Einzelheit treffen, die es kategorial von allen anderen Dingen unterscheidet", scheine genau jene Evidenz auf, die man im Misstrauen der Moderne gegen alle Ansprüche auf Wahrheit verloren wähnte, jubelt Steinfeld über die dreiunddreißig Erweckungsgeschichten.
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