Nicholas Shakespeare

In Tasmanien

Cover: In Tasmanien
Marebuchverlag, Hamburg 2005
ISBN 9783936384406
Gebunden, 500 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Hans M. Herzog. Mit "In Tasmanien" macht Nicholas Shakespeare wie vor ihm Bruce Chatwin mit seinem berühmten Patagonien-Porträt die Erkundung einer Landschaft und ihrer Geschichte zum literarischen Ereignis. Im Zentrum stehen dabei die abenteuerlichen Leben zweier ungleicher Partner: Der eine ist Anthony Fenn Kemp, der an einem stürmischen Novembermorgen des Jahres 1804 an der Ostküste Tasmaniens, das damals noch Van-Diemens-Land hieß, unter den verwunderten Blicken der Aborigines an Land watet: Kemp ist Sohn eines bekannten Wein- und Tabakhändlers, hat in London ein üppiges Erbe durchgebracht und sich kurzerhand nach Australien in die britische Strafkolonie Down Under abgesetzt. Der andere, sein Schwager und Chef der gemeinsamen Firma Potter & Kemp, William Potter, sitzt derweil daheim in England. Potter ist ein vorsichtiger, penibler Buchhalter und damit das genaue Gegenteil seines durch Tasmanien vagabundierenden Kompagnons, der sich immer wieder Geld schicken lässt, zwielichtige Geschäfte tätigt und monatelang als Vater Tasmaniens die halbe Insel befehligt. Kemp, der sich gern als George Washington von Van-Diemens-Land huldigen ließ, war nicht nur einer der ersten Kolonisten des Territoriums er ist direkter Vorfahr von Nicholas Shakespeare und in dessen Familie das wahrscheinlich schwärzeste Schaf. Indem Nicholas Shakespeare über die Abenteuer seiner Vorfahren Potter und Kemp berichtet, erzählt er zugleich die raue Geschichte einer Insel am Ende der Welt, die den Briten einst als Kerker diente und die heute ein beliebtes Reiseziel ist.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.03.2006

Angetan ist Georg Sütterlin von Nicholas Shakespeares Buch über Tasmanien, eine bis heute weitgehend unbekannte Insel im Südosten Australiens. Er charakterisiert "In Tasmanien" als "eigenartiges, vielschichtiges Buch", das Geschichte, Autobiografie, Familiengeschichte, Reisebericht und Journalismus verbindet. Shakespeares Erkundung der Insel, auf der er seit 2001 seinen zweiten Wohnsitz hat, verläuft nach Sütterlin auf verschiedenen Pfaden, wobei Geschichte und die Familiengeschichte - bei seinen Recherchen ist der Autor auf Vorfahren gestoßen - den breitesten Raum einnehmen. Bewegt zeigt sich Sütterlin vom Kapitel über die Ausrottung der Eingeborenen, in das auch aktuelle Diskussionen einbezogen werden. Er unterstreicht, dass Shakespeare nicht als Heimischer auftritt, sondern aus der Perspektive des Besuchers schreibt. Dadurch erscheine Tasmanien "fremd, rätselhaft und verlockend". Abschließend vergleicht er das Werk mit Bruce Chatwins "In Patagonien", in dem ebenfalls ein abgelegener Landstrich, seine Geschichte und Bewohner erkundet werden. Dabei stellt er fest, dass beide Bücher zwar einem ähnlichen Modell folgen, die Autoren und ihr Schreibstil aber gänzlich verschieden sind.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.03.2005

Wie so viele andere hat es auch Nicholas Shakespeare als Flüchtling nach Tasmanien verschlagen, berichtet der amüsierte Rezensent Gerrit Bartels. Shakespeares Flucht habe in der Tat darin bestanden, dass er sich nach jahrelanger und aufreibender Arbeit an einer Bruce-Chatwin-Biografie an einem Ort aufhalten wollte, an dem Chatwin nie gewesen war. Tasmanien, so der Rezensent, war ein solcher Ort. "Paradoxes Ergebnis" dieses "Befreiungsschlags" ist das Buch "In Tasmanien". Es stellt sich nämlich heraus, dass die Wahl Tasmaniens nicht ganz unschuldig war, dass der Erste, der Tasmanien kolonisierte, Shakespeares Urgroßonkel Kemp war und dass ein weiterer Verwandter, Hordern, ebenfalls - wenn auch glücklos - nach Tasmanien ausgewandert war. Schön findet der Rezensent, wie der Autor, neben Kemps und Horderns Geschichte auch seine eigene und die Tasmanien mit all seinen Eigenheiten und volkstümlichen Geschichten erzählt. Insgesamt liefere Shakespeare mit "In Tasmanien" ein "sehr unterhaltsames und lehrreiches Tasmanienbuch", das zugleich "Geschichtsbuch, Familienroman, Selbstfindung und literarische Reisereportage" ist. Schlusspunkt bilde das vergleichsweise ereignislose Leben der Hordern-Enkelkinder Ivy und Maud, die erst mit achtzig in die Stadt gezogen sind und die auf die Frage, ob sie ihr Heimatdorf vermissen, antworten: "Das ist doch Vergangenheit, stimmt's?" Der Schriftsteller Shakespeare mag dies nicht gerne gehört haben, vermutet der Rezensent, doch der Chatwin-Flüchtling Shakespeare allemal.