Moritz Rinke

Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel

Roman
Cover: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2010
ISBN 9783462041903
Gebunden, 490 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Stammt das angebissene Stück Butterkuchen im Tiefkühlschrank tatsächlich von Willy Brandt? Kann ein toter Onkel noch ein Kind zeugen? Wurde die schöne Kommunistin Marie von der Gestapo abgeholt oder von der eigenen Familie im Teufelsmoor vergraben? Und wie werden die Seelen der Menschen aufbewahrt? Ausgerechnet als Paul Wendland in Berlin mit seinem Leben und seinen kuriosen Kunstprojekten in die Zukunft starten will, holt ihn die Vergangenheit ein: In Worpswede drohen das geschichtsträchtige Haus seines Großvaters und sein Erbe im Moor zu versinken - samt lebensgroßen Bronzestatuen von Luther über Bismarck bis zu Max Schmeling und Ringo Starr.
Die Reise zurück an den Ort der Kindheit zwischen mörderischem Teufelsmoor, norddeutschem Butterkuchen und traditionsumwitterter Künstlerkolonie nimmt eine verhängnisvolle Wendung. Vergessen geglaubte Familienfragen, aus dem Moor steigende historische Gestalten und die skurrile Begegnung mit einem mysteriösen Vergangenheitsforscher spülen ein ungeheuerliches Geflecht an Lügen und Geheimnissen aus einem ganzen Jahrhundert an die Oberfläche.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.03.2010

Möglicherweise teilt Henning Bleyl das Schicksal des Berliner Dramatikers Moritz Rinke und ist ebenfals im niedersächsischen Torfheide- und Museumsdorf Worpswede aufgewachsen. Kenntnisreich beschreibt der Rezensent den "Reminiszenzenwahn", den Rinke in seiner "wunderbaren" Romandebütanten-Abrechnung mit der "notorisch nervigen Künstlerkolonie" aufbietet: Was anfälligeren Naturen vielleicht die Adoleszenz versaut hätte, münzt Moritz Rinke in "literarisches Kapital" um, wie es der Leser sonst nur von Prousts in den Lindenblütentee gestippten Madeleines zu kennen glaubt: "Rilke-Topf" raunt der Rezensent, "wer aus Worpswede kommt?". Den Plot hat der Autor mit "einer ebenso schlichten wie schlagenden Setzung" symbolisch gestrickt: Das vom Bildhauer-Großvater vererbte Worpswede-Haus versinkt im Moor, der auf der ganzen Linie glücklos agierende Berliner Galerist sieht seine Lebensversicherung schwinden und greift, aufgrund von plötzlich auftauchenden "überlebensgroßen Statuen des Reichsbauernführers", zu unlauteren Mitteln.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.02.2010

Da ist er also, der Worpswede-Roman. Kristina Maidt-Zinke hat ihn gelesen und stellt fest: Moritz Rinke, selbst ein Worpsweder Jung, kommt mit einem Sack voll origineller Erinnerungen und Anekdoten, Überdruss auch angesichts geläufiger Worpswede-Klischees, einem Haufen gut gestalteter skurriler Figuren und, leider, einem ungebändigten Übermaß an Einfällen. Hier sieht Maidt-Zinke das Problem des Romans, in seiner Zwitterhaftigkeit zwischen Heimatepos und Volkstheater, putzig lokalkoloriert, schwersymbolisch, doch leider ohne Tiefe. Schade, findet die Rezensentin. Kauzige Vetter, abgewrackte Maler und den mit der eigenen Familienarchäologie im Künstlerdorf konfrontierten Helden hätte sie beinahe ins Herz geschlossen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.02.2010

Hundertprozentig überzeugt zeigt sich Thomas E. Schmidt nicht vom Romandebüt des Dramatikers Moritz Rinke, das er als "amüsante Klischee-Choreografie" bezeichnet, als "Spiel mit ehrgeizigen Selbstbildern". Vor allem ist das Buch für ihn ein "dezidierter Non-Berlin-Roman". Denn sein Held zieht, wie wir lesen, aus einem verkrachten Berliner Boheme-Leben hinaus in den "seltsamen Kunst-Ort" Worpswede - ins Moor, wo dem Kritiker alsbald auch die Füße nass werden: aus dem Moor blubbert nämlich Moritz Rinkes Familiengeschichte herauf. Geschickt sieht Schmidt diesen Autor sodann erfundene Familiengeschichte mit der realen Historie Worpswedes und seiner Künstler verknüpfen. Sieht, wie hier tatsächlich jemand durch ein Jahrhundert (das schreckliche 20. nämlich) und vor allem durch sich selber fällt. Rinke sei kein begnadeter Erzähler, schreibt der Kritiker auch, doch er schaffe es, Szenen zu verdichten, sie im richtigen Moment abzubrechen oder ins Absurde laufen zu lassen. Was Schmidt in diesem Buch allerdings fehlt, ist epische Raffinesse und die Kraft zur Lakonie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2010

Für den Rezensenten Martin Halter sind die Theaterstücke von Moritz Rinke schon ein bisschen vom Zahn der Zeit benagt und mit den "heiter-besinnlichen" Prosatexten der letzten Zeit kann er offensichtlich auch nicht viel anfangen. Rinkes erster Roman nun lockt den Rezensenten ebenfalls nicht hinter dem Ofen hervor, soviel ist sicher. Denn in der autobiografisch grundierten Geschichte um einen Worpsweder, der in die Heimat zurückkehrt, um den alten Familiensitz zu retten, allerlei skurrilen Menschen begegnet und dabei auch dunkle Familiengeheimnisse aus der Nazizeit aus dem Moor zieht, gräbt der Verfasser eher breit als tief, so der Rezensent unzufrieden. Der vorherrschende Gestus der gelassenen Vergangenheitsbewältigung, mal in sanfter Anarchie, mal heiter-geschwätzig, stößt bei Halter auf Widerstand und lässt ihn vor allen Dingen vollkommen kalt, wie er betont.
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