Michel Wieviorka

Die Gewalt

Cover: Die Gewalt
Hamburger Edition, Hamburg 2006
ISBN 9783936096606
Gebunden, 230 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Michael Bayer. Die Gewalt - so Michel Wieviorkas Untersuchung - war bis in die 1980er Jahre noch nicht die zentrale Figur des Bösen. Man sprach von sozialen Beziehungen und somit von Konflikten und erfasste das Gemeinschaftsleben im Rahmen der Nationalstaaten. Heute ist die Gewalt an die Stelle des Konflikts getreten, und die kulturellen Identitäten erzeugen Spannungen und Ängste. Terrorismus und Krieg siegen über die friedlichen Verhandlungen und vertiefen täglich das weltweite Politikdefizit, wobei sie die Ideologie von einem "Kampf der Kulturen" zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung machen. Die Gewalt entfaltet sich über diese Phänomene, sie stellt das Böse dar, und die große Frage lautet, ob es möglich ist, ihr das Gute entgegenzusetzen, und wenn ja, wie.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.05.2006

Aufschlussreich erscheint Uwe Justus Wenzel dieser Versuch einer allgemeinen Theorie der Gewalt des französischen Soziologen Michel Wieviorka. Besonders interessant findet er Wieviorkas Bestimmung des Verhältnisses von Konflikt und Gewalt, wonach Konflikte, zumindest prinzipiell, Gewalt nicht befördern, sondern verhindern. Als Beleg führt Wenzel die vom Autor genannte institutionalisierte Ost-West-Konfrontation im Kalten Krieg sowie den tarifvertraglich moderierten Klassenkampf an. Die Auflösung der internationalen Arbeiterbewegung in den Industriestaaten und das Ende des Kalten Krieges hätten dann zu einer Enthemmung der Gewalt geführt. Einen weiteren thematischen Schwerpunkt des Buchs sieht Wenzel in Wieviorkas Soziologie des gewalttätigen Subjekts, in deren Rahmen er Gewalt als Begleiterscheinung misslingender Subjektwerdung begreift. Hier deute der Autor Gewalt als Ausdruck einer verminderten oder behinderten Fähigkeit, sich als Subjekt und "Sinnprinzip" zu verstehen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.04.2006

Sehr interessant findet die Rezensentin Angela Gutzeit die These des französischen Soziologen Michel Wieviorka, wonach die Regulierung von Gewalt durch ihren verstärkt globalen Charakter nicht länger nur in Verbindung mit dem Staat reflektiert werden könne, so dass es eines neuen - nicht nur staatsbezogenen - soziologischen Handwerkzeugs bedürfe, um den neuen Formen der Gewalt theoretisch gerecht zu werden. Daher begrüßt sie auch Wieviorkas Versuch, eine neue Gewalttheorie zu entwerfen, in deren Mittelpunkt das Subjekt steht, mit all seinen Schwierigkeiten, sich als Subjekt zu konstituieren, aber auch "mit seinen Möglichkeiten der Entscheidungsfreiheit". Dass die Rezensentin letztlich allerdings nur verhaltenes Lob spendet, liegt daran, dass Wieviorka versäumt, die von ihm vorgeschlagenen Subjektkategorien (das "frei flottierende Subjekt", das "Hypersubjekt", das "Nicht-Subjekt" oder das "Anti-Subjekt"), die nicht nur schwer zu fassen sind, sondern sich auch gegenseitig überlagern, durch Beispiele zu veranschaulichen. Und doch, so die Rezensentin, eröffnet sich dem unerschrockenen Leser inmitten des nur mühsam zu durchdringenden "anspruchsvollen Definitionengeflechts" die eine oder andere "Erkenntnisperle".
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.04.2006

Lobend äußert sich Rezensent Christian Semler über dieses Buch des französischen Soziologen Michel Wieviorka, das auf eine allgemeine Theorie der Gewalt abzielt. Wie er berichtet, gibt der Autor in einem ersten Teil einen Überblick über die Schwächung der Nationalstaaten als Inhaber des Gewaltmonopols, analysiert im zweiten Teil die zunehmende Bedeutung des Opfers in den gesellschaftlichen Diskursen, um schließlich im dritten Teil eine Typologie des Gewalttäters zu entwickeln. Semler zieht einen Vergleich zu einem ähnlichen Unternehmen des Soziologen Wolfgang Sofsky, bei dem Wieviorka eindeutig besser abschneidet. Während der Rezensent Sofsky vorhält, "apodiktisch", "selbstherrlich" und "ohne jeden Rückgriff auf die Empirie" zu verfahren, hebt er bei Wieviorka die Einarbeitung von Forschungsergebnissen und den Rückgriff auf ein empirisches Fundament hervor. Zudem unterstreicht er, dass Wieviorka seine Theorien durch eine Vielzahl von Beispielen "lebendig" macht, ohne die Systematik aus dem Blick zu verlieren. Das Fazit des Rezensenten: "eine anregende und präzise argumentierende Studie".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.03.2006

Ausgesprochen überzeugend findet Martina Meister diese Studie, in der der französische Soziologe Michel Wieviorka versucht, Gewalt neu zu verstehen. Wieviorka bricht dabei mit den klassischen Theorien, die Gewalt allein als soziales Phänomen verstehen wollen, informiert Meister. Für ihn ist Gewalt vielmehr auch individualpsychologisch zu verstehen als "verminderte, verbotene oder nicht vorhandene Fähigkeit, sich als Subjekt zu konstituieren oder als solches zu funktionieren", wie Meister zitiert. Was der Rezensentin dabei besonders gut gefällt, ist, dass sich Wieviorka nicht in Widerspruch zu den großen Analysen von Hannah Arendt oder Primo Levi stellt. Er lässt sie gelten und ergänzt sie sinnvoll. Instruktiv findet Meister auch seine Überlegungen zum Zusammenhang von Konflikten und Gewalt. Hier versteht Wieviorka den Konflikt nicht als Vorstufe, sondern als Gegensatz: "Wo Konflikte ausgetragen werden, hat blinde Gewalt keinen Platz." Auch seine Ausführungen zum neuen Opferbewusstsein findet Meister sehr gelungen. Rundum überzeugt stört sich die Rezensentin allein an Wieviorkas ausgeprägten Soziologenjargon und an einer nicht immer ganz korrekten deutschen Übersetzung.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.02.2006

Rudolf Walther hat Michel Wieviorkas "theoretisch ambitionierte" Gedanken über die zeithistorische Bedingtheit der Gewalt mit Interesse gelesen, auch wenn ihm das Ganze manchmal zu sehr im Allgemeinen verharrt. Wieviorka, und hier stimmt ihm Rezensent voll und ganz zu, deutet das Erscheinen von links- und rechtsextremen wie nationalistischen Bewegungen etwa als Reaktion auf die Globalisierung. Das Kapitel, in dem Wieviorka beschreibt, wie eine unkontrollierte Wirtschaft die ordnende Funktion des Staates aushöhlt, "ersetzt Dutzende einschlägiger Bücher", meint Walther. Gelungen findet er auch die am Schluss des Buches vorgestellten Täterkategorien, die vom "Nicht-Subjekt" über das frei flottierende Subjekt" bis zum Hyper-Subjekt" reicht. Aber auch hier gilt: Eine konkrete Anwendung dieser Klassifizierung hätte der Rezensent begrüßt.
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