Michel Houellebecq

Elementarteilchen

Roman
Cover: Elementarteilchen
DuMont Verlag, Köln 1999
ISBN 9783770148790
Gebunden, 360 Seiten, 22,50 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Michel Houellebecq berichtet vom glücklosen Leben der Halbbrüder Bruno und Michel, erst in der französischen Provinz, dann in Paris. Sie teilen eine egoistisch lieblose Mutter aus der 68er Generation, und sie teilen ihre von kalter Einsamkeit geprägte lebenslange Verstörung. Eines Tages klont Michel, der Molekularbiologe ist, in einem gentechnischen Institut in Irland das unsterbliche und geschlechtslose menschliche Wesen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.10.1999

Um aller Empörung, die es über dieses Buch gegeben hat vorzugreifen, stellt Martina Meister klar: "Elementarteilchen" ist kein Plädoyer für Eugenik, Fremdenhass und Frauenfeindlichkeit. Man könne das Buch nicht, obwohl es oft geschehen ist, als literarischen Entwurf eines Menschenparks lesen. Tatsächlich ist es ein Liebesroman, wie Meister schreibt, allerdings einer über zwei libidinöse Verlierer, die unter der heutigen "condition humaine" leiden und sich für ihre eigene Resignation rächen werden. Das Problem ist laut Meister nur, dass Houellebecq ein solch hässlichen Bild von seinen Protagonisten zeichnet, dass man sich nicht mit ihnen identifizieren kann. So wird denn die Leere, an der sie leiden, nicht für wahr genommen. Und darin sieht Meister den eigentlichen Skandal.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.10.1999

In einer Sammelrezension bespricht Volker Weidermann drei Bücher, die sich mit Weltuntergangsszenarien befassen - oder dem Gegenteil davon.
1) Michel Houellebecq "Elementarteilchen" (DuMont)
Hier hat der Autor ein "streckenweise brilliantes Buch" vorgelegt, findet Weidermann, der Houellebecq außerdem bescheinigt, Leere und Sehnsucht im Leben der beiden Protagonisten mit "außergewöhnlicher Kraft und Eindringlichkeit" geschildert zu haben. Dieses Lob klingt letztlich aber nach nicht viel mehr als einer Höflichkeitsformel, denn nur einen Absatz später scheut sich Weidermann nicht, Houellebecq in ideologischer Hinsicht bei den Nationalsozialisten einzureihen. Wie diese wolle Houellebecq "Weltbrandstifter" sein. Da fragt sich der Leser denn doch, ob es nicht Weidermann ist, der ein wenig laut auf die Pauke haut. Denn letztlich ist das, was er Houellebecq in erster Linie vorwirft, so dramatisch nicht: Nämlich dass der Autor das Leiden seiner Protagonisten "zum Leiden der ganzen westlichen Welt" verallgemeinert.
2) Douglas Coupland "Girlfriend in a coma" (Hoffmann & Campe)
Ganz begeistert ist Volker Weidermann hingegen von Couplands Buch: Es sei - obwohl moralisch - "selten peinlich [sic!] und politisch nie beunruhigend". Bei der Schilderung der Sinnleere in seiner Generation zeige Coupland, dass er sie - anders als Houellebecq - gut kenne. Der Autor mache auch nicht den Fehler, "von zwei durchgeknallten Außenseitertypen" auf die übrige Menschheit zu schließen. Bei Coupland gibt es einen Engel, der als eine Art "deus ex machina" den Lethargikern Beine und ihnen klar macht, dass sie die Welt selbst gestalten können. Weidermann sieht in Couplands Erzählung "eine Art revolutionsromantischen Weckruf für seine Generation", der daran erinnere, dasss man - mit ein wenig Feuer unter dem Hintern - auch als Vierzigjähriger noch die Welt verändern kann.
3) Ludger Lütkehaus "Nichts" (Haffmanns Verlag)
Kein Urteil fällt Volker Weidermann über Lütkehaus` "Nichts". Vielmehr denkt er laut darüber nach, was dieser wohl über die Untergangsszenarien von Coupland, Houellebecq und Co. sagen würde. Lütkehaus sei nämlich kein Anhänger solcher Ideen. Sinnsuche kann auch entspannend sein, interpretiert Weidermann, der in "Nichts" immerhin ein "fulminantes Philosophiegeschichtswerk" sieht. Mit Lütkehaus` Ideen, dass Nihilismus die Antwort auf die Angst vor dem Untergang sein könne (da der Nihilist sich nun einmal an gar nichts bindet, nicht einmal an das Leben), scheint der Rezensent ohne weiteren Kommentar einverstanden zu sein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.1999

Thomas Steinfeld, der den Roman in der FAZ als Aufmacher der Literaturbeilage zur Buchmesse besprochen hat, ist von dem Buch fasziniert. Die Rücksichtslosigkeit, mit der Houllebecq das moderne Leben angreife, gleiche einem Schlag in die Magengrube. Steinfeld umkreist das Buch wie eine Handgranate, nennt es ein "Kriegstagebuch aus der Inneren Mongolei" und behauptet, es sei seit dreißig Jahren das erste Buch, das dem Leser wie ein Block im Wege stehe. Vorsichtig, ohne selbst direkt Position zu beziehen, schätzt Steinfeld die Bedeutung des Buches vor allem an der Wirkung ab, die die "Elementarteilchen" in Frankreich hatten. Dort löste der Roman bei Erscheinen eine heftige Debatte aus, in der dem Autor abwechselnd Genie und faschistoide Ansichten bescheinigt wurden. Steinfeld selbst scheint der Angriff auf die 68er ein wenig unheimlich, da "ein großes Publikum solche Zeugnisse, solche Zumutungen versteht und aufnimmt".

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