Michel Foucault

Der Mut zur Wahrheit

Die Regierung des Selbst und der anderen. Band II. Vorlesung am College de France 1983/84
Cover: Der Mut zur Wahrheit
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009
ISBN 9783518585443
Gebunden, 500 Seiten, 39,80 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Jürgen Schröder. Die lange erwartete Vorlesung aus Foucaults letztem Lebensjahr konfrontiert Sokrates mit den Kynikern, die strahlende Gründergestalt der abendländischen Philosophie mit den selbsternannten Underdogs des Denkens. In der für seine späten Texte so typischen Mischung aus Radikalität und Abgeklärtheit verfolgt Foucault die letzte große Frage seines Denkens: die Frage nach der parrhesia, nach dem freimütigen, schutzlosen, das eigene Leben aufs Spiel setzenden Sprechen. Lange vor den Manifesten des Nonkonformismus, die die Moderne vor allem unter dem Banner der Kunst und der Revolution hervorbrachte, inszeniert der Kynismus dieses freimütige Sprechen als bewussten Verstoß gegen alle Konventionen, den Philosophen als zerlumpten Außenseiter und die Philosophie als öffentliches Ärgernis. Er stellt sich so in die von Sokrates begründete Tradition eines Mutes, der "Wut, Ärger, Rache und sogar Gerichtsverhandlungen riskiert, um die Menschen gegen ihren Willen dazu zu bringen, sich um sich selbst, um ihre Seele und die Wahrheit zu kümmern". Keine philosophische Schule oder Bewegung hat diesen Mut zur Wahrheit so konsequent radikalisiert wie der Kynismus. Doch nicht nur an den Rändern der offiziellen Philosophiegeschichte fördert Foucault noch ungehobene Einsichten zutage. Auch in den sokratischen Gesprächen selbst markiert er die Punkte, an denen eine neue Lektüre der traditionellen Texte einzusetzen hätte: die Prüfung seiner selbst und der anderen, die für die kommenden Technologien des Selbst von entscheidender Bedeutung war.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.04.2010

Als "erstaunliche Dokumente" beschreibt Thomas Assheuer diesen zweiten Teil der letzten Vorlesung Michel Foucaults, der nun erst auf Deutsch erschienen ist. Den nahen Tod vor Augen, nehme sich der Philosoph dennoch alle Zeit der Welt zur Betrachtung und Deutung seiner Gegenstände: der Texte von Platon, Sokrates und der Kyniker. In seinen Vorlesungen mache er antike philosophische Texte gegenwärtig, ohne sie brachial zu aktualisieren. Der Kritiker genießt den inständigen Ton von Foucaults Exegesen, ihre trügerische Verständlichkeit. Wie alle seine Bücher sei auch dieses halluzinogen und ein Muss für Theoriejunkies, denen er prophezeit, dass die Welt am Ende für sie genauso finster und von der Aufklärung verfinstert wirkt, wie von diesem Philosophen beschrieben. Auch die Übersetzung wird als geschmeidig gelobt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.03.2010

Johan Schloemann begrüßt diese beiden gewissenhaft edierten und übersetzen Bände mit den Vorlesungen Michel Foucaults aus den Jahren 1983 und 1984. Sie lassen sich seines Erachtens zusammen als "veritable Monografie" über die philosophische Redefreiheit als Manifestation des wahren Lebens lesen. Bedeutend scheinen ihm die Vorlesungen auch deshalb, weil der 1984 an Aids verstorbene Foucault eine geplante Buchveröffentlichung unter demselben Titel nicht mehr vollbringen konnte. Schloemann konstatiert eine Nähe zu Sokrates: zum einen wegen Foucaults bevorstehendem Tod, zum anderen wegen dessen Feier von Sokrates als Vertreter philosophischer Redefreiheit. Die Vorlesungen sind für ihn nicht nur geistesgeschichtlich ungemein aufschlussreich, sondern auch voll von "originellen Gedanken". Besonders hebt er Foucaults Ausführungen zur politischen Philosophie hervor. Der Philosoph deute Platon zustimmend so, dass Philosophie nicht bedeute, den Politikern zu sagen, was sie zu tun hätten. Für Schloemann ein "nüchternes Schlusswort zur großen Ära der engagierten französischen Intellektuellen in der Nachkriegszeit".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2009

In einer gedanklich wie emotional sehr bewegten Kritik nähert sich die Düsseldorfer Philosophieprofessorin und Foucault-Expertin Petra Gehring diesen beiden Bänden mit späten Vorlesungen Foucaults, in denen sich der Meister des Diskurses über den Umweg der antiken Philosophie wieder Kant und einem Begriff der Wahrheit nähert. Zentral scheint hierbei der Begriff der "parrhesia" zu sein, womit ein "Wahrreden" als dringliche Geste der philosophischen und politischen Auseinandersetzung gemeint ist, in dem der Redende ausdrücklich seine eigene Person aufs Spiel setzt. Fasziniert folgt Gebhardt den Entwicklungen des Begriffs, die Foucault durch die griechische Philosophie nachzeichnet, auch wenn sie eine Tendenz Foucaults zur Typisierung und zur Übertragung des Begriffs auf die Gegenwart nicht folgen mag. Unter Kennern, so verspricht sie, werden einige besonders dichte Passagen der hier vorliegenden Bände noch auf Jahre für Debatten sorgen - unter anderem verheißt sie eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit Derrida und eine Neuinterpretation des letzten Satzes von Sokrates.