Michael Brenner

Propheten des Vergangenen

Jüdische Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert
Cover: Propheten des Vergangenen
C. H. Beck Verlag, München 2006
ISBN 9783406549816
Gebunden, 400 Seiten, 34,90 EUR

Klappentext

Jüdische Geschichtsschreibung hatte im 19. und 20. Jahrhundert in besonderem Maße eine politische Funktion. Juden hatten als Kollektiv wenig handfeste politische oder gar militärische Macht aufzubieten, um ihre unterschiedlichen Ansprüche auf individuelle Emanzipation in Westeuropa und Amerika, auf kollektive Autonomie in Osteuropa oder auf die territoriale Staatsbildung in Palästina zu untermauern. Was sie dagegen vorlegen konnten, war das Bewusstsein einer besonders langen Geschichte. Aus der Geschichte heraus leiteten die politischen Vorkämpfer all dieser Ansprüche ihre Legitimation ab. Ihre nichtjüdischen Kollegen dagegen betrachteten die Juden häufig als ein Fossil der Geschichte. Im 19. Jahrhundert dominierte bei ihnen der christliche Missionsgedanke, später hielt die sowjetische Geschichtsschreibung die Juden in der Klassengesellschaft für überflüssig, während sogenannte Forschungsinstitute zur "Judenfrage" als Handlanger beim nationalsozialistischen Völkermord dienten. Erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu einem unbefangenen Dialog zwischen jüdischen und nichtjüdischen Erforschern der jüdischen Vergangenheit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.01.2007

Michael Brenners Studie über jüdische Geschichtsschreibung hat Rezensentin Stefana Sabin recht beeindruckt. Wie sie berichtet, umfasst die Darstellung die Entstehung der modernen jüdischen Geschichtsschreibung, ihre verschiedenen Strömungen und Perspektiven sowie ihre Wirkung auf die Bildung jüdischen Bewusstseins und jüdischer Identität. Der Autor spanne einen weiten Bogen von der emanzipatorischen Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert über die Diaspora-nationalistische Version in Osteuropa und die zionistischen Entwürfe Anfang des 20. Jahrhunderts bis hin zu den postzionistischen Positionen der letzten zwei Jahrzehnte. Neben Brenners Darlegungen über das selbstreflexive Moment, die kosmopolitische Dimension und die identitätsstiftende Funktion jüdischer Geschichtsschreibung hebt sie die Ausführungen über den Zweiten Weltkrieg als Zäsur in der jüdischen Geschichtsschreibung hervor.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.12.2006

Als "glanzvolle Synthese" jüdischer Geschichtsschreibung würdigt Willi Jasper dieses Buch von Michael Brenner. Er begrüßt die Beschränkung des Autors auf die wichtigsten Lesarten, zumal die Darstellung auch ohne Anspruch auf Vollständigkeit profund und umfassend ausfällt. Brenner spanne einen weiten Bogen von der emanzipatorischen deutsch-jüdischen Geschichtsschreibung über die Diaspora-Alternativen in Osteuropa bis zu zionistischen Orientierungen mit dem Fokus Israel. Neben Historikern wie Heinrich Graetz und Simon Dubnow nennt Jasper auch Ben Zion Dinur und Jakob Katz. Er attestiert Brenner, die zunehmend politische Funktion der jüdischen Geschichtsschreibung als Kompensation für mangelnde gesellschaftliche und militärische Macht zu erhellen. Deutlich wird für Jasper nicht zuletzt die tiefe Skepsis zahlreicher jüdischer Historiker gegenüber den historischen Großerzählungen. Brenners Buch bezeugt für Jasper einmal mehr, dass eine "kundige Gesamtdarstellung" allemal wertvoller ist "additive Sammelbände", die lediglich den Verlauf einer Konferenz widerspiegeln.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.10.2006

Alexander Kissler würdigt den enormen Fleiß Michael Brenners und die Vielschichtigkeit, die sein Buch über die jüdische Historiografie des 19. und 20. Jahrhunderts auszeichnet, auch wenn er nicht gänzlich zufrieden ist. Der Rezensent bedauert, dass insbesondere die religionswissenschaftliche Grundierung der jüdischen Geschichtsschreibung durch den Autor nicht genügend herausgearbeitet wird, genauso wie ihm der zeitgeschichtliche Hintergrund, vor dem diese Geschichtsschreibung entstand, in dieser Abhandlung zu kurz kommt. Trotzdem aber preist er das Buch als erste umfassende Darstellung der verschiedenen Strömungen jüdischer Geschichtsauffassung und sieht hier immerhin glänzend herausgearbeitet, wie sich die jüdische Geschichtsschreibung entwickelt hat.
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