Matthias Politycki

Herr der Hörner

Roman
Cover: Herr der Hörner
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2005
ISBN 9783455058925
Gebunden, 735 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Mit drei Zehnpesoscheinen in der Tasche macht sich der fünfzigjährige Broder Broschkus, erfolgreicher hanseatischer Bankier, auf in den schwarzen Süden Kubas, um dort eine Frau zu suchen, in deren abgründig grünen Augen er die Erleuchtung seines Lebens erfuhr. Er hofft, die Frau, von der er nicht einmal den Namen weiß, anhand der Notizen auf jenen drei Geldscheinen wiederzufinden. Im Verlauf seiner Suche erkundet er erst das weltliche, zunehmend auch das religiöse Leben der Stadt: Hunde- und Hahnenkämpfe, Exhumationen und Hausschlachtungen üben eine rätselhafte Faszination auf ihn aus, zunehmend auch die afrokubanischen Kulte, denen man nicht nur in den Elendsvierteln anhängt.
Ganz Santiago de Cuba scheint von etwas Dunklem beherrscht, über das zwar keiner reden will, auf dessen Spuren Broschkus nichtsdestoweniger immer häufiger stößt. Dass die gesuchte Frau damit in Verbindung stehen könnte, wird auch ihm bald klar; wie sehr sie freilich Werkzeug oder gar Inkarnation des Bösen ist, ahnt er nicht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.01.2006

Die gute Nachricht, verkündet Rezensentin Alexandra Kedves, sei schlicht und einfach dieses Buch, und die noch bessere Nachricht, man könne im Internet weiterlesen, wenn einem die 736 Seiten nicht genügten. Dort liege ein gestrichenes Kapitel als verborgener Schatz. Der Ton macht die Musik, erklärt die Rezensentin ihre Begeisterung, "und wahrhaftig, er ist schön". Der Autor erweise sich als Meister der Töne und Stile in seinem neuen Buch, vom "nonchalanten Neudeutsch" bis "altväterischen Aktendeutsch". Bei Politycki, so die Rezensentin, genieße man noch den letzten Manierismus bis zum letzten Zuge. Insbesondere das Spiel mit Stilblüten hat es Kedves angetan, und insbesondere dann, "wenn der westliche Exotismus auf die Schippe genommen" werde. Der Roman handelt von einem Hamburger Banker im Urlaub in Kuba, wo ihn der Anblick einer Lolita aus seinem bisherigen Leben katapultiert. Bis er zuletzt, "ausgemergelt und zerrüttet", glückliches Opfer eines Opferrituals wird. Zum Thema Glück schreibt die Rezensentin schließlich: "Teufel auch, wir sind es ebenfalls".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.12.2005

Maike Albaths Urteil über diesen Roman, in dem ein deutscher Bank-Abteilungsleiter sich im Kuba-Urlaub in eine unbekannte Kubanerin verliebt, Frau und Job verlässt und schließlich Anhänger des Palo-Monte-Kults wird, ist zwiespältig. Es handelt sich bei diesem Buch um einen "monumentalen Bildungsroman", in dem die Hauptfigur allerdings nicht wie bei Goethe und Wieland zur "sittlichen Reife", sondern vielmehr in die "dunklen Sphären des Archaischen" gelangt, erklärt die Rezensentin, für die hier auch das Problem liegt. Sie gesteht Matthias Politycki durchaus zu, sein "Handwerk zu beherrschen" und die kubanische Lebenswelt "atmosphärisch" dicht zu evozieren, dabei lobt sie auch seine lebendige Figurenzeichnung und hat so manche "eindringliche Szene" in dem Roman gefunden. Die "kubanischen Impressionen", die dieses Buch vermittelt, findet sie also durchaus lesenswert, wie sie betont. Mit der Intention des Romans allerdings hat sie ihre Mühe und sie fragt sich, ob der Autor die "Geschichte einer religiösen Erweckung" mit seinen Blutopfern und dem "Heilungsgevögel mit der schwarzen Ur-Frau", als die sich der Roman herausstellt, "wirklich ernst" meinen kann. "Was soll das Ganze", fragt die Rezensentin etwas ungehalten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2005

Wer Matthias Polityckis Aufsatz in der Zeit über die Unterlegenheit des "alten Europa" gegenüber den "dunkelhäutigeren Kulturen" gelesen hat, könnte diesen Roman als "bloßen Thesenroman" verstehen, meint Jörg Magenau. Das würde diesem "opulenten, funkelnden, sprachbesessenen" Buch, in dem ein Hamburger Bankier Beruf und Familie verlässt, um sich in Kuba auf die Suche nach einer Urlaubsliebe zu machen, aber keineswegs gerecht, betont der Rezensent. Er streicht die "grandiose Genauigkeit" heraus, mit der der Autor den kubanische Alltag beschreibt und hinter dem nach und nach eine "Tiefendimension aus religiösen Geheimnissen" sichtbar wird. Der Bankier schließt sich nacheinander zwei verschiedenen morbiden Kulten an und wird zu einem "touristisch infizierten Faust der globalisierten Welt", erklärt Magenau. Dass man dabei kaum etwas über das zurückliegende Leben des Protagonisten in Hamburg erfährt, sieht der Rezensent allerdings als "zentrales Problem" und ihm scheint, dass der Bankier allzu "reibungslos" in seine neuen Heimat und ihre Kultur eintaucht, um diese Geschichte überzeugend als "Konflikt alter und neuer Werte" zu erzählen. Geschrieben hat Politycki seinen Roman in "artifiziell saloppen Stil" mit viel Ironie und einem starken Willen zur Form, der aber der fortschreitenden "Selbstauflösung" der Hauptfigur entgegen steht. Das erinnert den Rezensenten wiederum an die "Dialektik der Aufklärung", deren Auflösung der Autor in diesem Buch propagiert.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2005

So recht befeuert hat Matthias Polityckis 700-Seiten-Roman aus dem vitalen Kuba den Rezensenten Eberhard Falcke nicht, ja mit der Zeit wurde es ihm sogar "langweilig". Das liegt laut Falcke an der "Eindimensionalität" des Polityckischen Erzählens, das zwar die umgebende Szenerie "hervorragend vergegenwärtigt", die Personen aber nur flach und blass schildere. Gerade der Protagonist, ein Hamburger Banker, der auf Kuba entdeckt, dass die lebensfrohe Magie der nüchternen Aufklärung überlegen ist, kommt dem Rezensenten für diesen großen Konflikt zwischen Glaube und Rationalität, in den sein Schöpfer ihn da hineinstellt, zu "schwach belichtet" vor. Falcke vermisst die Reflexion, das Abwägen; der Held versuche sich vielmehr der neuen Umgebung anzupassen und zu überleben wie ein "Survival-Tourist". Schade, wo doch dieser "Verwilderungsroman" von "bewundernswertem Mut, Fleiß und erstaunlicher Ausdauer" seitens des Schriftstellers zeuge. Bis zum Schluss halte der seine "federnde", ironische Erzählweise durch und schildere mit "erstaunlichem Wahrnehmungsreichtum" seine Umgebung. Das ist "glanzvoll", lobt der Rezensent. Aber offensichtlich nicht alles.