Matthias Nawrat

Das glückliche Schicksal

Roman
Cover: Das glückliche Schicksal
Rowohlt Verlag, Hamburg 2026
ISBN 9783498003654
Gebunden, 272 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

"Selbst der Himmel über den Gebäuden schien ihr ein ganz anderer zu sein als in Krakau. Der Geruch war anders - eine Art von Parfüm? Die Abgase schienen andere Abgase zu sein." Die junge Psychologin Wanda ist nach Venedig gereist, um den seit Langem dort im Exil lebenden Wissenschaftler Mrugalski zu seiner Forschung zu befragen. Oder geht es mehr noch um sein Leben? Zwischen ihnen, scheint es, steht ein Verdacht. Beide spielen nicht mit offenen Karten, und doch verbindet sie eine womöglich schicksalhafte Beziehung, die über das, was sie heute sind, hinausweist. "Das glückliche Schicksal" folgt zwei Generationen auf ihrem Weg durch die Systeme, führt tief hinein in die jüngere europäische Geschichte und zu den Fragen, vor die das Menschsein uns stellt. Wem kommen wir nah? Wie können wir verantwortlich leben? Wie hängen, wenn Geschichte und Bürokratie über unser Schicksal bestimmen, Glück und Moral zusammen?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.05.2026

Der Rezensent und Schriftsteller Artur Becker sieht in Matthias Nawrats neuem Roman ein "polnisch-ostmitteleuropäisches Brückenbauerbuch", dessen Lektüre er empfiehlt, weil sie den deutschen Lesern die "komplizierte polnische Exilgeschichte" vor Augen führt. Protagonist ist Henryk Mrugalski, ein polnisch-jüdischer Sozialforscher, der erst vor den Sowjets in die USA flieht, dann aber, von Heimweh getrieben zurück nach Europa kommt. Viele Jahre später bekommt Mrugalski Besuch von der Sozialforscherin Wanda, lesen wir. Das Buch springt zwischen Zeitebenen hin- und her, so Becker, der Solidarnosc-Aufstand spielt eine Rolle, aber auch die sowjetischen und deutschen Massaker an der polnischen Bevölkerung. Zu den "intensivsten und poetischsten" Teilen des Buches gehören die Schilderungen der Gulag-Haft Mrugalskis, findet der Kritiker. Etwas starr sind ist die Beschreibung des lebendigen Krakaus der Achtzigerjahre geraten, bemängelt Becker, der nichtsdestotrotz ein sehr relevantes und gutes Buch gelesen hat, dass den europäischen Nachbarn die hierzulande immer noch viel zu unbekannte Geschichte Polens näherbringen kann. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 09.05.2026

Rezensent Nico Bleutge begibt sich gern auf die fiktionale Forschungsreise, die dieses Buch entwirft. Im Zentrum des Romans Matthias Nawrats steht Wanda, die Polen im Jahr 1983 verlässt und in Venedig Mrugalski aufsucht, einen Wissenschaftler, der eine Variation der Spieltheorie entwickelt hat. Diese Theorie ist jedoch nicht alles, was Wanda interessiert, ihre Nachforschungen führen auch zurück in frühere Zeiten, in die Zeit des Zweiten Weltkriegs vor allem, als Mrugalski in einem sowjetischen Lager inhaftiert war. Alles ist gut recherchiert - und doch fühlt sich nichts bloß angelesen an bei Nawrat, freut sich Bleutge, stets bleibt die Geschichte auch als Geschichte, als Fiktion interessant. Alles in allem ergibt das eine bereichernde, intensive Lektüre, so der Tenor der Besprechung.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.04.2026

Rezensent Paul Jandl erfährt in Matthias Nawrats Roman, der im Jahr 1983 spielt, als Walesa zum Streik aufruft und Polen das Kriegsrecht ausruft, wie sich der Einzelne anständig verhalten kann - oder eben nicht. Vordergründig geht es um eine junge Akademikerin, die aufbricht, einen nach Venedig exilierten polnischen Philosophen und Sozialwissenschaftler zu interviewen. Jandl verläuft sich nur zu gerne in diesem "raffinierten literarischen Labyrinth". Laut Jandl ist das Thema Solidarität subtil in die Erzählung verwoben. Das Kolorit der Solidarnosc-Zeit kennt der Autor gut, meint Jandl. Das Buch ist mehr als eine Abrechnung, versichert er.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 04.04.2026

Ziemlich beeindruckt zeigt sich Rezensent Richard Kämmerlings von Matthias Nawrats neuem Roman, der seinen Ausgang bei einer Reise der polnischen Wissenschaftlerin Wanda nach Venedig nimmt. Dort, in einem Plattenbau, der Wanda an ihre Heimat im Krakauer Planviertel Nowa Huta erinnert, will Wanda den Professor Mrugalski besuchen und befragen. Erst nach und nach enthüllt Nawrat, warum Wanda das Interview führt: Der Professor hatte ein Modell entwickelt, mit dem sich das menschliche Verhalten berechnen lässt und in dem Individualität nichts zählt. Wanda findet heraus, dass er im sowjetischen Gulag in Haft war, was den Roman für den Rezensenten nicht zuletzt zu einem "erschütternden Stück Lagerliteratur" macht. Zugleich taucht die Frage auf, ob Mrugalski im Kommunismus anschließend selbst an Folterungen beteiligt war. Kämmerlings liest darüber hinaus auch einige Kapitel zum Polen der 1980er Jahre und findet den Bogen, den der Autor zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen verschiedenen Systemen und Schicksalen spannt, äußerst gelungen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 16.03.2026

Rezensentin Meike Feßmann hält Matthias Nawrats Roman für dunkel und großartig. Es geht um eine Sozialpsychologin, die um 1980 einen polnischen Emigranten interviewt. Das Gespräch konfrontiert den Leser laut Feßmann mit den Gräueln des Gulag, deren Schilderungen Nawrat unter anderem von Mandelstam und Solschenizyn übernimmt. Die Rückblenden findet Feßmann dramaturgisch gekonnt in den Text integriert. Die berechtigte Frage, was die Protagonistin will, führt tief in die Geschichte und zu philosophischen Überlegungen, meint Feßmann gefesselt. 

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