Felix Bohr

Die Kriegsverbrecherlobby

Bundesdeutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte NS-Täter

Klappentext

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg waren in zahlreichen westeuropäischen Ländern NS-Kriegsverbrecher inhaftiert. Im Zuge der Westbindung der Bundesrepublik wurden die meisten von ihnen entlassen. Lediglich in Italien und den Niederlanden verblieben insgesamt fünf Deutsche im Gefängnis: der SS-Mann Herbert Kappler, als Kommandeur der Sicherheitspolizei verantwortlich für das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen, sowie die "Vier von Breda", die maßgeblich an der Ermordung der niederländischen Juden beteiligt gewesen waren. Hochrangige deutsche Politiker, unter ihnen die Bundeskanzler Brandt und Schmidt, setzten sich für ihre Freilassung ein. Felix Bohr zeichnet das westdeutsche Engagement für die im Ausland inhaftierten NS-Täter nach. Er zeigt, wie sich aus Netzwerken von Kirchenverbänden, Veteranenvereinigungen und Diplomaten eine einflussreiche Interessenvertretung formierte, die rechtliche und materielle Hilfe leistete. Während Opfer des NS-Regimes um gesellschaftliche Anerkennung und Entschädigung kämpften, organisierte die Lobby Unterstützung für die Kriegsverbrecher auf höchster politischer Ebene.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2019

Der hier rezensierende Historiker Harald Biermann, der früher für das Bonner Haus der Geschichte arbeitete, wirft Felix Bohr unhistorisches Vorgehen vor, da der Autor heutige Erinnerungskultur auf die Jahre vor der Wiedervereinigung anwendet. Insofern sieht er Bohrs Dissertation als gescheitert an. Darüber hinaus missfällt dem Rezensenten, dass der Autor seine Sicht auf die Kriegsverbrecherlobby zu verallgemeinern und damit größere Kontexte zu erläutern versucht. Ganz so drastisch wie Bohr es schildert waren die Aktivitäten der Unterstützer für NS-Kriegsgefangene im Nachkriegsdeutschland aber nicht, meint Biermann. Oft scheint ihm der Autor die diplomatischen Zwänge nicht zu erkennen und maßlos Vorwürfe anzuhäufen, so gegen das Auswärtige Amt und Willy Brandt. Bohrs Einsichten in die Entwicklung der westdeutschen Demokratie findet Biermann insofern überzogen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.02.2019

Lesenswert findet Judith Leister das Buch des Historikers Felix Bohr. Zu erfahren ist daraus, erklärt sie, wie sich rund 2.000 Hilfsgemeinschaften und Verbände, die katholische Kirche und die von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern durchsetzten Regierungen nach dem Krieg für NS-Täter einsetzten. Laut Leister stützt sich der Autor dabei auf Norbert Freis Begriff der Politik der Amnestierung. Die katholische Kirche betreffend schließt er humanitäre Gründe weitgehend aus, so Leister, stattdessen nennt er eine nationalkonservative Gesinnung und Antikommunismus als Gründe für die massive Unterstützung der NS-Verbrecher.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 05.02.2019

Für Otto Langels ist die Studie des Historikers Felix Bohr eine sinnvolle Ergänzung zur Arbeit der Historikerkommission zum Umgang des Auswärtigen Amtes mit der NS-Vergangenheit von 2010. Anhand von Beispielen wie dem SS-Offizier Herbert Kappler oder den "Vier von Breda" und mittels einer Vielzahl neu zugänglicher Quellen kann Bohr dem Rezensenten sehr genau und überzeugend die Lobbypolitik der Verbände und der Bonner Regierungen von Adenauer über Brandt bis Kohl aufzeigen, die sich für NS-Verbrecher einsetzte.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.12.2018

Gerhart R. Baum lernt mit diesem Buch von Felix Bohr, das ihn auch auf die politische Gegenwart schauen lässt, wie verletzbar unsere Demokratie ist. Wie der Autor das Nachkriegsengagement für deutsche, im Ausland verurteilte Kriegsverbrecher ins Visier nimmt, findet Baum lobenswert, weil gründlich recherchiert, quellenstark und mit der richtigen Haltung. Letztere erkennt er in der unnachgiebigen Analyse und der Feststellung, dass Schlussstrichmentalität und Kriegsverbrecherhilfe ursächlich zusammengehören, auch wenn die Motive für das Engagement unterschiedlich waren. Das Zusammenspiel zwischen Bürokratie, Justiz, Politik und Presse und das Spannungsfeld zwischen "Aufarbeitung" und "Schlussstrich" schildert Bohr dem Rezensenten genau.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.10.2018

Matthias Arning hält Felix Bohrs Buch für einen wichtigen Beitrag zur kritischen Revision der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Der Rezensent findet die auf Norbert Freis Studie zur "Vergangenheitspolitik" basierende Darstellung der "Kriegsverbrecherlobby" aus Kirchenleuten, Veteranenvereinen und Diplomaten findet durchaus lehrreich. Wie ehemalige SS-Leute politisch, rechtlich und materiell protegiert wurden, kann ihm der Autor anhand von fünf Tätergeschichten auseinandersetzen, die das Konzept "Vergangenheitsbewältigung" über die fünfziger Jahre hinaus laut Rezensent erweitern. Von der Ära Adenauer bis zu Richard von Weizsäcker erläutert ihm der Autor das parallele Streben nach Aufklärung wie nach Verdrängung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2018

Ein bisschen unübersichtlich fällt Knud von Harbous Besprechung dieses Buches aus, aber doch eindeutig positiv. In seiner Dissertation liefere der Spiegel-Redakteur Felix Bohr einen eindrucksvollen Überblick über all die Hilfen, auf die NS-Kriegsverbrecher in der Bundesrepublik zurückgreifen konnten. Auch wenn kaum etwas davon neu sei, wie Harbou betont, lasse einemd dieser Bericht den Atem stocken: Angefangen bei all den Hilfswerken und Verbänden, die sich nominell um Heimkehrer und Kriegsgefangene kümmerten, dabei aber auch Kriegsverbrecher unter ihre Fittiche nahmen, bis hin zur katholischen Kirche, die über ihre Bischöfe in Rom die Rattenlinie nach Argentinien organisierten (die evangelische Kirche beließ es dabei, sich "humanitär" um Verbrecher zu kümmern, die sie zu "angeblichen" herabstufte). Seit Norbert Frei es in "Vergangenheitspolitik" schrieb, weiß Harbou: Die schiere Masse der Kriegsverbrecher diktierte der Bundesrepublik die Bedingungen ihrer Integration.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.10.2018

Klaus Hillenbrand ist bei der Lektüre entsetzt, wer sich alles für die Freilassung im Ausland verurteilter Nazi-Kriegsverbrecher wie Herbert Kappler - der als SS-Obersturmbannführer in Italien willkürlich ausgewählte 335 Italiener erschießen ließ - einsetzte: Bundeskanzler Adenauer, Bundespräsident Lübke, Bundestagsabgeordnete, Diplomaten, die Kirchen (die evangelische Kirche sprach gar von "angeblichen Kriegsverbrechern", lernen wir) und sogar Willy Brandt! Unter den Wählern gab es eben viele Nazis, deren Stimmen man auch wollte. Wie es den Rechtsextremen gelang, Politiker von Adenauer über Brandt bis Kohl für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, wie sie die Sprache verbogen, bis aus Kriegsverbrechern gewöhnliche "kriegsgefangene Deutsche" wurden, ist ein Lehrstück gerade auch für heute, meint Hillenbrand.