Gerechtfertigt zu sein, sagt Martin Walser, war einmal das Wichtigste. Staaten legitimieren sich durch Gesetze, Regierungen durch Wahlen. Aber der Einzelne? Zum Beispiel Josef K. im "Proceß" von Franz Kafka. Für Martin Walser ist das Buch der "Roman einer Gewissenserforschung, einer Suche nach Rechtfertigung", so wie Josef K. für ihn der letzte Romanheld ist, der das Fehlen von Rechtfertigung als Drama erlebt und daran zugrunde geht. Demgegenüber leben wir seit langem ohne das Bedürfnis nach Rechtfertigung, ja ohne auch nur die Frage danach. Rechtfertigung wird ersetzt durch Rechthaben. Dass uns recht zu haben genügt, nennt Martin Walser eine Verarmung.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.09.2012
Der Theologe Jan-Heiner Tück kennt Martin Walsers Glaubensnöte schon. Wenn der Schriftsteller in diesem Essay erneut seinen Phantomschmerz den Glauben betreffend schreibend umkreist, hört Tück dennoch genau hin. Walser fragt nach der Rechtfertigung des Menschen und derjenigen Gottes, und Tück kann seine Sympathie für diese Art Selbsterkundung nicht verhehlen. Aber auch sein Unbehagen nicht, wenn Walser ihm eher in literarischer Hinsicht fasziniert zu sein scheint von Karl Barths "Römerbrief" und seiner dualistisch scheinenden Erwählungstheorie. Laut Tück jedoch geht Barth weiter hin zu einer Universalisierung, die Walser übersieht. Den Autor lädt er ein, mit ihm im theologischen Seminar zu klaren Begriffen zu gelangen, anstelle emphatisch Transzendenz zu beschwören.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.04.2012
Nicht nur den 85. Geburtstag des Schriftstellers, sondern auch die Unkenntnis über die christliche Rechtfertigungslehre macht Michael Stallknecht dafür verantwortlich, dass die Druckfassung des am 9. November 2011 in Harvard gehaltenen Vortrags "Über Rechtfertigung" bislang nicht recht zur Kenntnis genommen worden ist. Dabei sei diese Rede "eines der großen Geständnisse" des ohnehin beichtfreudigen Autors, so der Rezensent. Der Katholik Walser legt darin dar, dass die Rechtfertigung, die einst nur von Gott dem Menschen erteilt werden konnte, mittlerweile zur bloßen "Rechthaberei" verkommen ist, ringt mit dem Glauben und zeigt sich dabei so radikal wie eh und je, so der Rezensent bewundernd.
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