Martin Walser

Statt etwas oder Der letzte Rank

Roman
Cover: Statt etwas oder Der letzte Rank
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017
ISBN 9783498073923
Gebunden, 176 Seiten, 16,95 EUR

Klappentext

"Mit der Unwahrheit ein Glückskunstwerk zu schaffen, das ist die menschliche Fähigkeit überhaupt." Wer sagt das? Seine Frau nennt ihn mal Memle, mal Otto, mal Bert, er versucht zu erkennen, wie aus Erfahrungen Gedanken werden. Den Widerstreit von Interessen hat er hinter sich gelassen, Gegner und Feinde auch, sein Wesenswunsch ist, sich herauszuhalten, zu schweigen, zu verstummen. Am liebsten starrt er auf eine leere, musterlose Wand, sie bringt die Unruhe in seinem Kopf zur Ruhe. "Mir geht es ein bisschen zu gut", sagt er sich dann, "zu träumen genügt". "Statt etwas oder Der letzte Rank" ist ein Roman, in dem es in jedem Satz ums Ganze geht - von größter Intensität und Kraft der Empfindung, unvorhersehbar und schön. Ein verwobenes Gebilde, auch wenn es seine Verwobenheit nicht zeigen will oder sogar versteckt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.01.2017

Rezensent Jens Jessen möchte Martin Walsers neues Buch nicht als Roman, sondern vielmehr als "Gedankenlyrik in Prosa" bezeichnen. Die hat ihm aber ausgesprochen gut gefallen: "Knapper, künstlicher und pointierter" erscheint ihm Walser in diesem Epigramm, in dem Biografisches so abstrahiert, bisweilen gar kondensiert wird, dass es zum Allgemeinmenschlichen wird, schwärmt der Kritiker. Und doch erkennt Jessen den Autor in dem alternden, "qualligen" Erzählwesen, dass den Enttäuschungen durch Feinde und Frauen mittels Meditation und Selbstbezichtigung Herr zu werden versucht. Wer die nötige Geduld für diese Seelenbeichte aufbringt, wird mit der Summe von Walsers Kunst belohnt, schließt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2017

Rezensent Tilman Spreckelsen lernt eine ganz eigene Hölle kennen in Martin Walsers neuem Roman: Eine Großraumlimousine, in der der Ich-Erzähler lauter leere Plätze vorfindet, auf denen - sichtbar nur für ihn - seine Ankläger sitzen. 52 Abschnitte voller Welt- und Selbstergründung muss Spreckelsen mit dem Erzähler durchleiden, mediale Kampagnen widerkäuen und Opfer wirklich schrumpfen und wieder wachsen sehen. Schwer macht es dem Rezensenten der Umstand, dass Walser seinen Erzähler nicht frei von Larmoyanz und Egozentrik rekapitulieren lässt und gar keine Verständigung vorgesehen scheint - bis zum Ende. Da möchte der Erzähler plötzlich alle umarmen, aber Spreckelsen ziert sich.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.01.2017

Rezensent Burkhard Müller sieht Martin Walsers Privat-Literatur, seine Selbstgespräche mit diesem Roman noch eine Umdrehung weiter ins Autistische geschraubt. Als göttliche Dreifaltigkeit erscheint ihm die schreibenden Instanz nun, das erzählende Moment sei völlig marginalisiert. Allerdings macht Walser dem Rezensenten mit seinen Schmerzen, seinen Ressentiments und seinem "Zen ohne Demut", seinen Sentenzen und Anekdoten und mit seiner Selbstdarstellung durchaus Spaß. Wenn der Erzähler über Wahrheit und Lüge, Hass und Liebe räsoniert, findet Müller das kindlich bezwingend, versöhnlich und auch lehrreich.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.01.2017

Rezensent Roman Bucheli kann sich nicht entscheiden, wie er Martin Walsers neues Buch einordnen soll. Ein Roman ist es nicht, kein Tage- oder Notizbuch und eine Lebensbilanz will er es auch nicht nennen. Tatsächlich ist die Gattungsbezeichnung "Roman" das einzig inkonsequente an diesem Gedankenmitschnitt, meint Bucheli. Empörend formlos, pathetisch, egozentrisch, sprachlich banal und dem intellektuellen Gehalt nach absolut uninteressant urteilt der Rezensent und empfiehlt das Buch doch, denn es fasziniert auf anderer Ebene. Mit "Statt etwas" entsagt Walser allen Konventionen und wendet sich der Innerlichkeit zu, entblößt sich und seine Gedankenwelt und das in einer Konsequenz, die an Erbarmungslosigkeit grenzt und den Rezensenten tief beeindruckt.