Der böhmische Graf Richard Coudenhove-Kalergi und Ida Roland, seine aus jüdischer Familie stammende Frau, empfanden den Untergang des Habsburgerreiches als Verlust eines Vaterlandes, in dem man Patriot und Weltbürger zugleich sein konnte. Sie verschrieben sich der Mission, auf europäischer Ebene das zu kreieren, woran die Donaumonarchie gescheitert war: eine multiethnische Nation, in der Kosmopoliten und Minderheiten keine bedrohten Außenseiter sind. Dem verwegenen Projekt lag eine klare geopolitische Vorstellung zugrunde. Es galt, ein Zusammengehen Deutschlands und Russlands gegen die atlantische Welt zu verhindern und Mitteleuropas Anschluss an den liberalen Westen zu sichern. Damit trat "Paneuropa" in Konkurrenz zu gegenläufigen Großraumplänen - wie dem pangermanischen "Mitteleuropa", der panangelsächsischen "Föderation atlantischer Demokratien", der nationalsozialistischen "Festung Europa" oder dem blockfreien "Europa der Dritten Kraft".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.2025
Eine wichtige, heute weitgehend vergessene Figur der europäischen Einigungsbewegung stellt Martin Posselts Buch uns auf intelligente Weise vor, freut sich Rezensent Wilfried Loth. Und zwar geht es um Richard Coudenhove-Kalergi, der bereits in den 1910er Jahren zu den wichtigen Denkern eines geeinten Europas gehörte und dessen Position sich von anderen, vor allem dadurch abhebt, dass er einem Bündnis der Westmächte - Deutschland und Frankreich vor allem - das Wort redet und vor Russlands Großmachtstreben warnt. Immer wieder bezogen sich Politiker auf Coudenhove-Kalergis Idee einer europäischen Föderation nach US-Vorbild, die Gegner des Anschlusses Österreichs ans Dritte Reich etwa fanden bei ihm Argumente, Churchills Pläne für eine europäische Integration gehen auch teilweise auf Coudenhove-Kalergi zurück. Freilich stellt Posselt laut Loth auch klar, dass Coudenhove-Kalergi oft zu autoritär auftrat - er wollte selbst eine Führungsrolle in der neuen Gemeinschaft übernehmen - und allgemein mit seinen Bestrebungen hinsichtlich einer europäischen Verfassung nicht weit kam. Insgesamt jedoch macht dieses Buch deutlich, findet Loth, dass Europa-Denker wie Coudenhove-Kalergi insbesondere die Nachkriegszeit stärker prägten, als man heute oft meint.
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