Maike Albath

Der Geist von Turin

Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943
Cover: Der Geist von Turin
Berenberg Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783937834375
Gebunden, 192 Seiten, 19,00 EUR

Klappentext

In Mussolinis Italien, im Schatten der Fabriken von Fiat und Olivetti, begegneten sich in den Dreißiger Jahren in Turin ein paar gebildete junge Leute. Sie gründeten Zeitschriften und Verlage, schrieben kritische Artikel, nahmen Verbannung und Gefängnis auf sich und fühlten sich als Avantgarde. Und das waren sie: Aus dem Kreis um Cesare Pavese, Leone und Natalia Ginzburg und den Verlag Einaudi kam jener Geist, der nach 1945 das Klima intellektueller Freiheit in Italien wesentlich geprägt hat. Maike Albath, die Italien kennt und liebt, beschwört in ihrem Buch die Stadt in der diese stolze Episode aus Italiens jüngerer Vergangenheit ihren Lauf nahm, und ihre einmalige geistige Landschaft. Selten haben Intellektuelle einen so nachhaltigen Einfluss auf die Geschicke eines ganzen Landes genommen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2010

Die Liebe der Autorin hat es Joseph Hanimann angetan. Allerdings ist es die Liebe zu ihrem Sujet, die es dem Rezensenten hier sogar erlaubt, über ein paar gewagte Perspektivsprünge hinwegzusehen und sich nicht irritieren zu lassen. Hanimann geht mit viel Gewinn aus dieser Lektüre hervor, kann ihm Maike Albath doch das geistige Gegen-Italien im Turin der 30er und 40er Jahre um den Verleger Einaudi und Leute, wie Natalia und Leone Ginzburg, Cesare Pavese, Norberto Bobbio und Italo Calvino überzeugend und garniert mit Momenten der Orts-, Landes- und Geistesgeschichte und reportagehaften Einschüben spannend und zugleich unaufgeregt vermitteln. Kenntnisreich und detailliert, aber nicht trocken, schillert das Buch laut Hanimann zwischen Hommage, biografischer Skizzensuite, lockeren Apropos und europäischer Geistesgeschichte.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.05.2010

Eine traurige, aber "klug komponierte" Geschichte hat Rezensent Hans Woller in Maike Albaths Sachbuch "Der Geist von Turin" gefunden. Mit "glänzenden biografischen Miniaturen" und Zeitzeugenberichten versehen, erzählt die deutsche Kulturjournalistin vom Aufstieg und Verfall des Turiner Verlagshauses Einaudi, welches mit dem Ziel, "Bildung für jedermann auf höchstem Niveau" zu vermitteln, vor allem nach 1945 seine Hochzeit erlebte. Obwohl sich das Verlagshaus bald in ganz Europa etabliert hatte, führten Ende der siebziger Jahre politische und persönliche Konflikte innerhalb der Verlagsbelegschaft zum Konkurs und schließlich zum Verkauf ausgerechnet an Silvio Berlusconi, "der nun wahrlich nicht für kulturelle Blüte" bürge, so Hans Woller seufzend. Der Rezensent erkennt deutlich Albaths Sehnsucht nach einer Zeit, in der man noch "nach Herzenslust" Bücher machen konnte, auch wenn in ihrem Buch darunter zum Teil die umsichtige Recherche des historischen Kontextes leide. Gern teilt Woller aber ihre etwas "naive Hoffnung", dass die Zeiten, als Bücher noch die Welt verändern konnten, auch in Italien irgendwann zurückkehren.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.04.2010

Lothar Müller kann sein Bedauern nicht verhehlen, darüber, dass die von Maike Albath in ihrem Buch beschriebene Welt nicht mehr existiert. Nicht nur sieht Müller in dem Band ein Familienlexikon der Ginzburgs, Paveses und Einaudis, Albath bietet ihm auch ein Stück Geschichtsschreibung Italiens im 20. Jahrhundert. Der Ort ist Turin, genauer der Einaudi-Verlag. Müller erkennt hier das Bild einer Hauptstadt der industriellen Moderne und einer gegenkulturellen Bewegung, lebendig und anschaulich geschildert als Produkt von Wahlverwandtschaften einiger um 1910 Geborener. Faschismus und Kosmopolitismus sind für Müller die Pole, die hier aufeinander prallen. Aber auch die Auseinandersetzungen innerhalb des Intellektuellenkreises vermag die Autorin dem Rezensenten nahezubringen. Dass Albath für ihr Buch mit Zeitzeugen wie Magda Olivetti und Cesare Cases gesprochen hat, kommt laut Müller den Porträts der Protagonisten zugute.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.04.2010

Hoffnungsvolles Licht durch den Tunnel des heutigen Berlusconi-Italiens sendet für Arno Widmann das Buch von Kritikerkollegin Maike Albath über die Geschichte des linken Verlags Einaudi und seine wichtigsten Protagonisten nach 1943. Hier kann man ein fast in Vergessenheit geratenes "arbeitendes, ein nachdenkliches, ein intellektuelles Italien" wieder entdecken, dass nach wie vor vorhanden ist, meint der Rezensent, der es der Autorin hoch anzurechnen scheint, dass sie es mit ihrem Buch wieder in Erinnerung ruft.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.03.2010

Ambros Waibel rekapituliert zwar ausführlich die sich "lohnende" Lektüre, konkret geht er dabei allerdings wenig auf Maike Albaths Studie ein, die den Zeitraum zwischen 1933, dem Gründungsjahr des Turiner Einaudi-Verlages, und den achtziger Jahren untersucht. Was sich während dieser Zeit an Entwicklung und Fortschritt in der piemontesischen Geistesmetropole und Fiat-Arbeiterstadt zwischen Verlag und Fabrik abgespielt hat, lässt sich als Versuchsanordnung eines "utopischen mediterranen Sozialismus" bezeichnen, interpretiert der Rezensent. Die von Turin ausgehende Strahlkraft der frühen Jahre beruhte auf einem Bündnis gegenseitiger geistiger Anregung zwischen sich formierender Arbeiterbewegung und herausragenden Intellektuellen (Leone Ginzburg oder später Norberto Bobbio), überstand in der Resistenza den Faschismus und war noch während der großen Arbeitskämpfe der sechziger und siebziger Jahre präsent, so der Rezensent, der Albaths "Routen durch die italienische Sozial- und Geistesgeschichte" gerne gefolgt ist.