Wie KI unsere Wirklichkeit, Moral und Gesellschaft neu berechnet
Matthes und Seitz, Berlin 2026
ISBN
9783751821490 Gebunden, 284 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Unsere Wahrheit gerät unter Druck: Fake News, Echokammern und halluzinierende Sprachmodelle untergraben begründete, faktengestützte Erklärungen. Doch diese Entwicklung ist kein Unfall. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass jede neue Medientechnologie stets verändert hat, wie Wahrheit entsteht und was als wahr gelten darf - von Sprache und Schrift über den Buchdruck und das Internet bis zur Künstlichen Intelligenz. KI kennt keine Fakten oder Kausalitäten mehr, sondern berechnet Antworten allein auf Basis statistischer Wahrscheinlichkeiten. Das führt zu Fehlern und Halluzinationen - und dennoch sind ihre Ergebnisse oft treffsicherer als menschliche Erklärungen, etwa in Medizin, Wissenschaft oder Prognostik. Mads Pankows Mediengeschichte der Wahrheit verortet uns in einer Phase des Übergangs - von einer regel- und argumentbasierten Ordnung zu einer Gesellschaft, in der Modelle, Prognosen und Korrelationen beginnen, unser Denken und Handeln zu bestimmen. Können wir uns eine Welt ohne erklärbare Wahrheit, ohne formalisierte Moral, ohne Gesetze und Regeln vorstellen? Die Maschinen können es.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2026
Rezensentin Katharina Teutsch empfiehlt das Buch des Publizisten Mads Pankow. Der Autor erkundet darin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des Wahrheitsbegriffs und aktuelle Wissens- und Wahrheitsproduktion, erklärt Teutsch. Die gute Nachricht laut Teutsch: Alles ist im Flux. Von den Klosterschriften über die Verfassung und das Recht bis zu den gigantischen Datensätzen von heute, die sich laut Pankow vor allem mit individuellen Wahrscheinlichkeiten und Progonosen zur Person befassen, wie Teutsch gebannt liest. Exkurse zur "wahrscheinlichen Gerechtigkeit" u.a. findet die Rezensentin nicht minder anregend. Ob die KI nun Gutes bringt oder den Untergang? Für Teutsch noch nicht entschieden, denn wir sind mittenmang auf einer "epistemologischen Großbaustelle", meint sie.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 02.10.2026
Sehr interessiert folgt Rezensentin Katja Kullmann dem Organisationswissenschaftler Mads Pankow bei dessen Überlegungen zum Wahrheitsbegriff in Zeiten von KI. Keineswegs, stellt Kullmann klar, präsentiert uns Pankow ein Patentrezept für irgendetwas, vielmehr ist sein Buch gerade deshalb stark, weil es durchweg auf Ambivalenz und das sorgfältige Abwägen unterschiedlicher Argumente setzt. Insgesamt wendet sich Pankow gegen den vielerorts vorherrschenden Alarmismus - die Wahrheit muss nicht zwingend untergehen im Algorithmus, aber sie verändert sich. In einer historischen Rückschau zeigt Pankow im Anschluss an systemtheoretische Modelle auf, dass Wahrheit nie etwas Absolutes war, sondern lediglich "der kleinste gemeinsame Nenner", mit dessen Hilfe die Gesellschaft ihre Grundvoraussetzungen klärt. Außerdem war sie immer abhängig von Medientechnik, schon seit geraumer Zeit haben Algorithmen dabei ihre Finger im Spiel. Während jedoch soziale Medien die Tendenz haben, problematische "gefühlte Wahrheiten" zu produzieren, kommt die KI besser weg - sie produziert laut Pankow die titelgebenden "wahrscheinlichen Wahrheiten", die für eine Vielzahl von Menschen anschlussfähig bleiben. Kullmann hat durchaus ein paar Einwände, etwa wenn Pankow etwas zu schnell über die Gefahren eines neuen Autoritarismus hinweg geht. Dennoch bringt ihr das Buch viele neue Erkenntnisse, gerade auch hinsichtlich der immer wichtigeren Rolle von Rechenmodellen und Effizienzdenken für unser Handeln. Vor allem jedoch, so die Rezensentin abschließend, besticht an dem Buch die "nachdenkliche Offenheit" des Autors - das soll ihm die sich gern allwissend gebende KI erst einmal nachmachen.
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