Spätestens seitdem ein faschistisch agierendes politisches System einen Krieg mittels "Entnazifizierung" rechtfertigt, ist klar: Die Welt ist aus den Fugen. Das Vertrauen in Institutionen schwindet, Fakten werden als Fiktion gedeutet, selbst dann, wenn man täglich mit ihnen konfrontiert ist, Autokratie wird zur Dissidenz und Kritik zur Zensur. Doch nicht erst mit Putins autokratischem Regime, nicht erst durch Verschwörungstheorien, Corona- und Klimawandelleugnung oder Trumps Versuch, die Spielräume der Demokratie immer weiter für eigene Interessen auszureizen, befinden sich die Wahrnehmung der Wirklichkeit sowie die Fähigkeit von Rezeption und Kritik unter Beschuss. Wie Sylvia Sasse nachweist, ist die Geschichte vielmehr voll von politischen wie medialen Strategien zur Erschaffung verkehrter Welten. Es ist deshalb an der Zeit, die beobachtbaren Verkehrungen zu rekapitulieren, ihre Geschichte(n) zu verstehen und sie als eines der grundlegenden Verfahren von Desinformation zu begreifen. Denn die Verkehrung ins Gegenteil ist keine subversive Strategie "von unten", sondern ein Mittel zur Festigung und Legitimation von Macht und Terror - und ein direkter Angriff auf die Demokratie.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 17.08.2023
Von der Macht der Lüge als Propagandamittel lernt Kritikerin Katharina Teutsch bei der Slawistin Sylvia Sasse, die sich näher angeschaut hat, welche Falschaussagen sowohl in Russland als auch in den USA getätigt werden, um die eigenen politischen Strategien zu rechtfertigen. Die russische Behauptung, Europa würde immer faschistischer, und ähnliche "Interpretationen" beispielsweise von Corona-Leugnern zeigen Teutsch, dass die Lüge "im Kleid der Wahrheit" längst auch in liberalen Demokratien Einzug gehalten hat. Die rhetorische Strategie der Umkehrung macht Sasse an vielen klugen Beispielen deutlich, lobt die Kritikerin.
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