Eine längst fällige, programmatische Schrift über die Grundlagen der literarischen Vergegenwärtigung von Natur.
Nicht nur der aktuelle Boom von 'Naturbüchern' aller Art macht es erforderlich, genauer über die Fragen nachzudenken, von welcher Natur gesprochen wird und wie sie in den Texten erscheint. Denn hierzulande fehlt immer noch weithin ein Bewusstsein davon, was die anspruchsvolle literarische Vergegenwärtigung von unmittelbarer, intensiver Naturerkundung erreichen kann - gerade auch für eine Verständigung über unser gesellschaftliches Naturverhältnis, eine Verständigung und Auseinandersetzung, die heute dringlicher ist als je.
In den USA und in Großbritannien gibt es mit den Werken des Nature Writing eine lange Tradition der literarischen Ausarbeitung von Naturwahrnehmung. In letzter Zeit hat sie mit dem New Nature Writing einen neuen Aufschwung erfahren. In Deutschland brach eine vergleichbare Linie nach dem großen Vorbild Alexander von Humboldt jäh ab.
Ludwig Fischer erörtert die 'Arbeit der Sinne', von der authentische Naturerfahrung und -erkundung ausgeht, und benennt die 'Protestenergie', die so viele Texte des Nature Writing durchzieht - eine fundamentale, glänzend geschriebene Auseinandersetzung mit Kernfragen unseres Naturverhältnisses und mit den Möglichkeiten der Literatur, die etwas anderes bestärken will als Unterwerfung und Ausbeutung der natürlichen Mitwelt. Das Buch entwirft die Herausforderungen, denen sich ein eigenständiges, vielfältiges deutschsprachiges Nature Writing gegenüber sieht, und erwägt die Impulse, die es setzen kann - nicht nur für die Literatur, sondern für unser Verhältnis zu Natur und Umwelt im Zeitalter des Anthropozäns.
Welche Rolle Alexander von Humboldt für die Literatur spielte, lernt Rezensentin Cornelia Jentzsch in diesem Buch des Schriftstellers, Naturtheoretikers und Literaturwissenschaftlers Ludwig Fischer, das sie als "hochaktuell" preist. Denn der Autor veranschaulicht ihr nicht nur, wie Humboldt die frühe, anglophone Literatur des "Nature Writing" des 18. und 19. Jahrhunderts prägte, sondern die Kritikerin schätzt vor allem dessen "polemische" Analyse der aktuellen - literarischen - Rolle der Natur in unserem Denken: Einer "unverhältmäßigen Romantisierung" der Natur stehe eine "regressive Vorstellung" von Heimat und Natürlichkeit gegenüber, liest die Kritikerin hier. Ein zeitgenössisches "Nature Writing" müsse deshalb auch immer die kulturelle Überformung der Natur berücksichtigen. Auch mit Blick auf die Klimakrise könne ein neues deutschsprachiges Nature Writing zu einem aufgeklärten Naturverständnis beitragen, erfährt Jentzsch.
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